Kultur : Wenn in den Sophiensälen Berlin die Bäuche aufeinanderprallen

Sandra Luzina

Seine Anhänger nannten ihn Bucky, an diesem Abend wird er meist als RBF tituliert. Richard Buckminster Fuller war Physiker, Architekt, Dichter. Der Vordenker einer ganzheitlichen Weltsicht avanciert in den sechziger Jahren zum Techno-Guru, der vor kalifornischen Hippies predigt und vor NASA-Experten referiert. Die Beatles widmen ihm den Song "Fool on the Hill". RBF war der Popstar unter den Akademikern. Auf die Spuren dieses Paradiesvogels begeben sich nun der ausgebildete Puppenspieler Holger Friedrich und die 4-D-Produktions. Nicht die Person Fullers steht im Mittelpunkt, eher findet eine Geisterbeschwörung statt. Wir sollen uns einloggen in den Gedankenkosmos, der so flirrend ist wie die Disco-Kugel, die an der Decke der sophiensäle kreist. Fullers Vorliebe für alles Runde wird Rechnung getragen, Treppe und Minipodeste sind kreisförmig. Holger Friedrich versucht das Publikum mit dem spröden Charme eines Lateinlehrers für sich als Moderator einzunehmen. Fuller wird von einem Veteranen der Prenzlauer-Berg-Szene verkörpert. Werner Hennrich tritt dem Publikum als bebrillte Halbglatze entgegen, die Lurexfäden seines altmodischen Jacketts schimmern, derweil er von Liebe, Revolution und seiner Großtante spricht. Fuller wollte Geist und Materie , Wissenschaft und Kunst versöhnen. Auch dieser Abend will beides bieten: Erziehung und Entertainment, Bildung und Ballett. Da tippeln schon 12 Revuetänzerinnen auf die Bühne, sie lächeln und schreiten, zeigen ihre wohlverpackten Körperrundungen in einer Choreographie von Brigitta Nass, die auch für den Friedrichstadtpalast arbeitet. Die Girls sind nicht nur Dekor, sie sind ein geneigtes, ja ideales Auditorium für den Opi. Beglückt demonstriert er den wippenden Straußenfedern seine Erfindung, den Bucky-Ball. Auch der Pianist Jürgen Friedrich und die Sängerin Riki Eden, die etwa das "Lob des Spinnwebs" vorträgt, sorgen für Abwechslung. Aus dem "Epischen Poem zur Geschichte der Industrialisierung ohne Titel" wird ein Auszug dargeboten. Die männlichen Akteure geben sich auch Mühe, allen Regeln rhetorischer und szenischer Wirksamkeit zu spotten. Fuller war berühmt für seine vorträge, die Performances glichen. Gemäß seiner Maxime "Thinking out loud" praktizierte er ein lautes Nachdenken, ein Verfertigen der Gedanken beim Reden - auf der Bühne wird daraus schon mal ein Vergessen des Textes beim Reden. Fuller, der immerhin den Begriff der Jitterbug-Transformation in die Geometrie einführte, wollte den Geist zum Tanzen bringen. Die geistige Elastizität verlangt nach physischer Gewandtheit und so lassen die Schauspieler ihre Bäuche rhythmisch aufeinanderprallen. Der männlichen Ganzkörpererfahrung, die mit dem Charme des Unbeholfenen auftritt, wohnt man als Zuschauerin zuerst amüsiert und dann zunehmend ratlos bei.Bis 5. 3., jeweils 20 Uhr in den sophiensälen.

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