Kultur : Wenn Kalauer zur Krankheit werden Elfriede Jelinek und ihr „Bunbury“ in Wien

Hartmut Krug

Mit Oscar Wildes „trivialer Komödie für ernsthafte Leute“ tun sich die Theater schwer. Selbst Peter Zadek verhedderte sich einst an der Freien Volksbühne Berlin in einer Konversationskomödie, die mit schriller Komik „Die Bedeutung, ernst zu sein“, untersucht. Es geht um falsche Identitäten und Gefühle, um Spießigkeit, Verklemmungen und Doppelmoral. Jack und Algernon wollen einfach nur Spaß. Sie gehören zur besseren Gesellschaft und versuchen, der viktorianischen Moral in ein heimliches Lotterleben zu entfliehen. Der eine lebt in der Stadt und erfindet einen kränkelnden Freund Bunbury, der andere wohnt auf dem Land und flüchtet zum nicht existenten Bruder Ernst. „Ernst“ liefert im doppelten Sinn Anlässe zu virtuosen Sinn- und Wortspielen.

Die Männer in Falk Richters Inszenierung am Wiener Akademietheater sind erotische Ich-AG’s. Katrin Hoffmann hat den Poseuren einen Spiegelsalon mit flachem Pool gebaut, eine Art gläsernen Verkaufssalon. Wenn sich hier jemand etwas oder sich selbst vorstellt, greift er zum Mikrofon und singt. Rocky Schamoni hat dafür sämig-ironischen Kitschpop beigesteuert. Wilde nimmt in Bunbury sein Motto, die erste Pflicht im Leben sei, künstlich zu sein, so ernst, dass er die Künstlichkeit von Figuren und Gefühlen locker entfaltet, sie aber zugleich an einer streng sozial determinierten Welt reibt. Nicht allzu ernsthaft, aber doch immerhin so, dass aus der Reibung innerer Sinn und äußerer Witz entstehen.

Elfriede Jelinek hat (mit der Übersetzerin Karin Rausch) Wildes Stück in ihr ureigenes ideologisches Sprachland geholt. Dort türmen sich ungeheure Kalauerberge über sexuellen Abgründen auf. Die Männer, die sich eine zweite Identität erfinden, sind bei ihr „Doppellader“. Jelineks zwanghafte Sprachmaschinerie lässt jedes sexuell ausdeutbare und ausbeutbare Wort unendliche Variationen erleben und über so manchen Stammtisch laufen. Alle Figuren zittern vor Übersexualisierung. Wenn Libgart Schwarz als herrlich aufgedrehte Gouvernante einen Pfarrer begehrlich angeht, dann müssen unter seiner Ab-Reaktion schon mal die Haustiere leiden. So toben Wildes alte Figuren hilflos in der Jelinekschen Kunstwelt umher.

Leider ist die Jelinek dort, wo Wilde elegant war, grob. Und wo Wilde andeutete, deutet Jelinek aus. Sprache und Sinn laufen wie Uhrwerke nebeneinander her. Der in Wien debütierende Regisseur Falk Richter schafft mit viel Aufwand eine vor allem bunte und laute Theaterwelt. In ihr spiegelt sich eine zeit- und ortlose Spaßgesellschaft. Die sich an moralischen Regeln stößt, die sie gar nicht mehr hat. Konsequent spielt Kirsten Dene die moralisierende Tante nur als Theatertype. Während die jungen Frauen, Dorothee Hartinger und Christiane von Poelnitz, in einer an unsere Medienwelt erinnernden Wunschblase leben. In ihr wird das Leben erst wirklich, wenn es im Tagebuch verzeichnet ist.

Die Darsteller retten sich in routinierte Überdrehtheit. Michael Maertens brüllt als Algernon seine Texte oft mit grimassierender Übersteigerung oder distanziert sich augenzwinkernd von ihnen. Doch all die tollen Schauspieler (auch noch Roland Koch und Johann Adam Oest) kämpfen vergeblich gegen ein Stück, das Oscar Wildes Vorlage auf die Ebene eines einzigen Klischees hebt und klebt.

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