Kultur : Wenn (k)ein Tor fällt

Peter von Becker

Es gibt Menschen, die können mit Fußball partout nichts anfangen. Zum Beispiel 250 Millionen Nordamerikaner. Die mögen lieber ihren Football statt unser Soccer. Oder Baseball und Basketball. Weil ihnen beim Fußball zu wenig Tore fallen. Deswegen wollten US-Missionare schon die Tore größer machen und weniger Spieler aufstellen oder mehr Frauen, da bei denen nicht so eng gedeckt und hart verteidigt werde. Nun sehen auch wir lieber ein 3:2 wie das von Tschechien und Holland als die deutsche Tor- und Trostlosigkeit gegen Lettland. Andererseits gibt es sehr wohl dramatische torarme Unentschieden oder so knapp entschiedene Thriller wie Portugal – Spanien, die uns an Tschechow denken lassen. Dessen Team ist zwar schon ausgeschieden, aber Tschechow zeigt uns doch, wie spannend Geschichten sind, in denen zählbar meist gar nichts passiert. In denen allein der Ball läuft (also das Leben, die Liebe), von Mann zu Mann, von Frau zu Frau und Mann zu Frau; in denen Seelen, Leiber, Herzen dribbeln – dabei manchmal nur einfach im Aus landen. Bis plötzlich etwas explodiert. Bis ein Schuss fällt, manchmal schon in der Nachspielzeit. Was das Ereignis zur Sensation macht – wenn nur gut gespielt wird. Wie beim Fußball, wenn der blitzartige Moment eintritt, in dem der Ball ins Netz zischt oder über die Torlinie rollt. Dieser nie, selbst beim Elfmeter nicht völlig vorhersehbare Augenblick bleibt magisch, selten, kostbar. Auch nach tausend Toren, wie der Kitzel der Liebe. Und der „Tor“-Schrei ist noch immer der größte Lustschrei der Welt.

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