Kultur : Wenn Klammeraffen lüstern gaffen

Sandra Luzina

"Super" krakeelt die Blondine ins Mikro, und alle plappern es nach. Unsere Spaßgesellschaft - was sonst? - nimmt Luc Dunberry in seiner dritten Produktion als Choreograf, "Seriously", ins Visier (weitere Aufführungen: 16. - 18., 20., 21. und 30. November). Dunberry, Tänzer im Ensemble von Sasha Waltz, wählte eine ungewöhnliche Besetzung: auf zwei Tänzer kommen sechs Schauspieler. Es wird also viel geredet. Das Resultat: Wo eine hohle Geschwätzigkeit angeprangert werden soll, tendiert der Abend selber ins Geschwätzige. Ganz ohne Monitore und Videokameras kommt Dunberry aus. Und will sich doch an der nach immer neuen Hypes gierenden Mediengesellschaft abarbeiten. Zu Beginn stürzt eine kreischende Meute mit Mikrofonen und altmodischen Kameras auf die Bühne. Marina Galic wird emporgehoben, herausgehoben aus der Menge. Danach ist Michaela Schreier die Auserwählte. Steht für kurze Zeit im Mittelpunkt des medialen Interesses, um dann mit Jacketts bombardiert zu werden. Nach diesem Anfang fällt es schwer, das Spiel in die Überhöhung und Abstraktion zu ziehen. Alle buhlen hier hektisch um Aufmerksamkeit. Die Darsteller müssen immer neue Aufgeregtheiten produzieren. Das ist anstrengend und wirkt oft angestrengt.

Wie aufgescheuchte Hühner flattern die Frauen herum, sobald ein Mann auftaucht: Kichernd heben sie den Rock, bieten ihre Körper dar. Claudia de Serpa Soares krallt sich wie ein Klammeräffchen ans Hosenbein des flüchtigen Auserwählten, wird mehrmals zu Boden geschleudert, prügelt dann mit dem Mikro auf den Gegner ein. Das folgt den Regeln eines unterhaltsamen Celebrity-Matches, bei dem Verona und Dieter Pate gestanden haben könnten.

Michaela Steiger gelingt eine der nachdrücklichsten und witzigsten Szenen des Abends: Sie führt das öffentliche Beschimpfen als neue Disziplin vor. Jede Obszönität muss noch überboten werden, stotternd wird ein Katalog an absurden Wortungeheuern aufgezählt. Nicht nur der Sprache wird Gewalt angetan, jede Kontaktaufnahme geht in Drangsalierung über. Für einige böse Späßchen ist die Inszenierung gut; doch man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Dunberry seine Figuren nicht ernst nimmt. Und so kratzt er nur ein bißchen an der Oberfläche.

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