Kultur : Wenn Königinnen zu sehr lieben

UWE FRIEDRICH

Marie Antoinette langweilt sich ganz fürchterlich.Seit über 200 Jahren muß sie als Geist allabendlich mit ihrem Gatten Ludwig XIV.und ihren Höflingen in Versailles die Oper besuchen.An diesem Abend geht es um Figaro, um den dritten Teil der Beaumarchais-Trilogie.Die Vorstellung rührt Marie Antoinette so sehr, daß sie sich sehnlichst wünscht, ins Leben zurückzukehren.Der anwesende Dichter verliebt sich in Marie Antoinette und verspricht ihr, in das Libretto einzugreifen und damit die Geschichte derart zu ändern, daß sie nicht aufs Schafott muß.

In John Coriglianos 1991 uraufgeführten Oper "Die Geister von Versailles" verschwimmen die drei Handlungsebenen: Die Welt der Geister, die sich in unserer Gegenwart langweilen, die Oper mit ihren Charakteren und Paris während der Revolution.Im sehr freien Umgang mit der Halsbandaffäre spielt der Librettist "Was wäre wenn?".Zwar muß Marie Antoinette trotzdem aufs Schafott, weil Figaro die Bemühungen des verliebten Beaumarchais zunichte macht.Immerhin erkennt Figaro aber, daß seine revolutionären Ziele verraten wurden und bittet die Königin vor der Hinrichtung um Verzeihung.Diese sieht dann auch ein, warum sie hingerichtet wurde.

Aus seiner Zeit als Musikredakteur beim Rundfunk ist John Corigliano mit dem europäischen Opernrepertoire vertraut, und er zitiert ausgiebig daraus.Wer die FigaroOpern von Mozart und Rossini kennt, wird großen Spaß an den harmonischen Beziehungen der Figaro-Oper-in-der-Oper haben.Dabei ist Corigliano die Pose des mißverstandenen Künstlers zuwider, er möchte von seinem Publikum verstanden werden.Daher stellt er seine Kenntnisse nicht selbstgefällig aus, sondern nutzt sie im Dienst der theatralischen Wirkung.Allerdings entgeht er nicht immer der Gefahr, einiges überdeutlich zu sagen.So gerät ihm manches Ensemble, manche Arie länger als die musikalische Substanz eigentlich erlaubt, und die beherzte Hand eines kürzenden Dramaturgen wäre im Lauf der mehr als dreistündigen Vorstellung äußerst willkommen gewesen.Andererseits fällt dem Komponisten besonders für Marie Antoinette sehr anrührende Musik ein, auch die melancholisch zurückblickenden Passagen der älter gewordenen "Figaro"-Protagonisten haben große emotionale Qualitäten.

Vor allem aber beweist die Musik Humor.Besonders das Ende der ersten Akts, eine Einlage in der türkischen Botschaft, parodiert hochvirtuos musikalische Klischees, ohne die Personen zu denunzieren.Dem Komponisten stehen aber auch avanciertere Techniken zur Verfügung.Um das Gefühl der Nostalgie, der Verlorenheit zu erzeugen, verwendet er auch Vierteltöne, Zwölftonreihen und dehnt die Tonalität bis an die äußersten Grenzen.

Für die europäische Erstaufführung an der Hannoveraner Oper erzeugt Regisseur und Bühnenbildner Jerome Sirlin mit relativ bescheidenen Mitteln große Effekte.Zwei Treppenläufe und einige klassizistische Seitenteile markieren das königliche Opernhaus.Prospekte und Maschinen werden nicht geschont, auch nicht der Diaprojektor.Mit bonbonbunten Projektionen werden die unterschiedlichen Räume angedeutet.Ob für die Figaro-Oper am Rande zur Parodie oder die beinahe echten Theatergefühle der Marie Antoinette, Sirlin findet für seine Sängerdarsteller die richtigen Gesten.

Einfache Theatertricks werden zum Ereignis, wenn Beaumarchais zum Duell über die Bühne fliegt wie sonst nur Peter Pan, und die Türkenszene so effektvoll bunt mit Artisten bestückt wird, daß sie jeder Rossini-Inszenierung zur Ehre gereichte.

Andreas Delfs leitet das Niedersächsische Staatsorchester sicher auf die Schlingerfahrt durch die Jahrhunderte und verliert dabei auch seine Sänger nie aus den Augen.Bei den Solisten zeigen sich die Früchte jahrelanger Ensemblepflege an der Niedersächsischen Staatsoper.Die überragende Helen Bickers ist als Marie Antoinette das unbestrittene Zentrum des Abends.Zwischen dramatischer Kraft und anrührender Zurückhaltung zeigt sie eine leidende Frau, die sich im Lauf des Abends entwickelt.

Trotz Indisposition singt Espen Fegran einen amüsant verliebten Beaumarchais, nur John Treleaven als Bösewicht zeigt deutliche vokale Schwächen und der Spielmacher Figaro hätte deutlich mehr Bühnenpräsenz vertragen als Wilhelm Hartmann zu bieten hat.

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