Kultur : Wenn Kunst versagt

Die Liste der Kritiker des Berliner Mahnmalvorhabens wird immer länger...Die Befürworter insbesondere beim "Förderkreis", das Scheitern ihrer jahrelangen Anstrengungen vor Augen, haben den häßlichen Verdacht gestreut, es könnten sich darunter nicht zuletzt Gegner jeglicher Erinnerung an den NS-Völkermord verbergen, die ihrer reaktionären Gesinnung das unverdächtige Mäntelchen künstlerischer oder moralischer Bedenken umhängen.Über solchen Verdacht erhaben ist Simon Wiesenthal, der jetzt die Berliner Mahnmals-Entwürfe kritisiert hat.Wiesenthal klagt Eindeutigkeit ein, sowohl hinsichtlich der Opfer, derer zu gedenken ist, als auch der Täter, die anhand der Orte ihrer Verbrechen zu benennen sind. Wiesenthal übersieht dabei, daß Eindeutigkeit im Falle des Berliner Mahnmals niemals zu erlangen sein wird, beispielsweise weil mindestens anderthalb Millionen Opfer nicht mehr namentlich zu identifizieren sind.Das Wiener Mahnmal, allein den österreichischen Juden gewidmet, hat es in dieser Hinsicht einfacher.Nicht einfacher jedoch hat es das Wiener Vorhaben in künstlerischer Hinsicht.Denn der Entwurf von Rachel Whiteread hat dieselbe Kritik auf sich gezogen, die auch die Berliner Vorschläge erfahren haben - und die wohl alle Kunstwerke vom Ende des 20.Jahrhunderts einstecken müßten: nämlich nicht verständlich genug, nicht eindeutig und nicht auf Dauer gegen alle Fehlinterpretationen gefeit zu sein.Da aber liegt der tatsächliche Quell des Unbehagens an der zeitgenössischen Kunst.Sie taugt nicht für die aufs i-Tüpfelchen abgezirkelte Aussage, die von dem Holocaust-Mahnmal erwartet wird, um der Fülle der Vorbehalte und Einwände zu begegnen.Kunst ist mehrdeutig.Sie wandelt sich im Auge des Betrachters.Sie verliert ursprüngliche Aussagen und gewinnt andere hinzu.Das mißbehagt den Denkmals-Befürwortern nicht minder als seinen Kritikern - und aufrichtig wäre es einzugestehen, daß heutige Kunst das geforderte, nach allen Seiten korrekte und womöglich auch noch didaktische Mahnmal nicht zustande bringen kann. Nach diesem Eingeständnis wäre der Weg frei, die geistigen Anstrengungen auf die Gestaltung des künftigen Jüdischen Museums zu lenken, das - so oder so - die Hauptrolle bei der Erinnerung der Shoa spielen wird. BS

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