Kultur : Wenn Männer zu sehr weinen

Nachspielzeit: 559 Minuten Fußball-Filme

Julian hanich

Fußball-Filme? Ein schwieriges Genre. Mindestens so kompliziert wie Literaturverfilmungen. Immer fehlt irgendwas. Selten kommen die prallen Emotionen rüber. Nie sieht das Spiel richtig virtuos aus. Aber wir sind im WM-Jahr. Da lässt sich die Berlinale nicht lumpen. Deshalb: 559 Minuten Fußball in 5 Sektionen. Nur Forum und die „Traumfrauen“-Retrospektive bleiben verschont. Aber Marilyn Monroe und Fußball zwingt selbst die lebhafteste Männerfantasie nicht zusammen. Außerdem war sie mit Joe DiMaggio verheiratet – einem Baseballspieler! Und Amerikaner!

Was machen Filmemacher, wenn sie im Ballbesitz sind? Sie illustrieren damit zunächst einmal die Probleme der Prostituierten in Guatemala oder der isländischen Homosexuellen. Beides natürlich hochverdienstvolle, absolut ehrenwerte Absichten. Wenn aber der Verlauf eines Films dem Spannungsbogen eines 0-0 zwischen Duisburg und Hannover gleicht, erschwert das dem Zuschauer, sein volles Mitgefühl zu entfalten. Das gilt für „Estrellas de la línea“ genauso wie für „Eleven Men Out“ (beide im Panorama). Der isländische Film geht immerhin ins Rennen um den besten T-Shirt-Spruch des Festivals. Auf dem Hemd eines mäßig attraktiven Schwulen steht: „I did Beckham“.

Man kann Fußball also auch mit Humor nehmen, so wie Gerardo Olivares. In seinem Spielfilm „The Great Match“ (Berlinale Special) schnürt er drei Episoden zusammen, in denen er Volksgruppen ins Zentrum des Spielgeschehens stellt, die sonst im Abseits stehen: mongolische Nomaden, Amazonas-Indianer und Kameltreiber in der Wüste von Nigeria. Sie alle haben ein Ziel: trotz widrigster Umstände das WM-Finale von 2002 DeutschlandBrasilien zu sehen. Über den Titel des Films kann man sich angesichts des enttäuschenden Ausgangs streiten. Außerdem fiebert ausgerechnet ein autoritärer mongolischer Militär mit Deutschland, während beinahe alle anderen Brasilien anfeuern . Wenig schmeichelhaft. Andererseits: Hat nicht Oliver Kahns Strafraumverhalten etwas Mongolenhaft-Militärisches? Man darf den messerscharfen Blick dieser heiteren Komödie also nicht unterschätzen. Zumal sie bei ihrer rundlederweltweiten Studie zum richtigen Ergebnis kommt: Ob Nomade oder Urwaldjäger – der wesenhafte Kern des Menschen ist fußballförmig. Weshalb sich die Amerikaner langsam fragen sollten, ob sie nicht hinterm Mond leben.

Gleiches gilt für die Australier. Dort genießt Rugby – auch footy genannt – einen unverdient hohen Stellenwert. Dem italienischen Einwanderer Vito macht das verständlicherweise ziemlich zu schaffen. Sein Sohn weigert sich partout, den eiförmigen gegen den runden Ball einzutauschen. Dean Chircop nimmt diesen Konflikt zum Anstoßpunkt einer Komödie über die Assimilation von Immigranten. Amüsant. Da verzeiht man ihm sogar, dass er sich in „Bloody Footy“ (Kinderfilmfest) am Ende auf die falsche Seite schlägt.

Man kann den Fußball aber auch ernst nehmen. So richtig ernst. Wie Lars Pape. 130 Stunden Material hat er für seinen gut 80-minütigen Film „Warum halb vier?“ (Perspektive Deutsches Kino) gesammelt. Darin bebildert er eine stichhaltige These: Der Fußball ist so erfolgreich, weil er in einer individualisierten Zeit ein rauschhaftes Gruppengefühl erzeugt. Pape könnte manchmal etwas schneller und punktgenauer zur Sache kommen – und fände dafür sogleich das passende Vorbild: „Once in a Lifetime“ (Berlinale Special) erzählt von Aufstieg und Fall von Cosmos New York. Mit lässigem Seventies-Funk unterlegt und von Matt Dillon gesprochen, ist der Film beinahe so fulminant wie die Dribblings von Pelé, von denen es einige zu sehen gibt. Eines müsste zu denken geben: „Once in a Lifetime“ kommt aus einem Land, das von Fußball nur rudimentäre Ahnung hat: Amerika.

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