Kultur : Wenn Mick Jagger kommt

Kino unterm Sternenzelt wird in dieser Saison zum Sommernachtstraum. Beobachtungen im Dunkel von Berlin

Kerstin Decker

Gibt es denn überhaupt so viele Friedrichshagener, dass sie ein ganzes Freiluftkino füllen? Bei den erhitzten Berliner Innenstadtbewohnern ist die allnächtliche massenhafte Flucht vor die Leinwand in luftige Parks ja einzusehen. Außerdem gibt es viel mehr Innenstädter als Friedrichshagener, und die könnten genauso gut auf ihren Terrassen am Müggelsee liegen bleiben statt ins Freiluftkino zu gehen. Also ist das „Naturtheater Friedrichshagen“ im Stadtteil Köpenick der Testfall – für eine immer beliebtere Art von cineastischen Sommerfesten.

„Gimme Shelter“ spielen sie, die Rolling Stones 1970 auf dem Altamont Festival, eine Dokumentation in Originalsprache. Für Friedrichshagen? Ob die Friedrichshagener überhaupt so gut Englisch können? Hinter dem S-Bahnhof ziehen Hilfscamper mit Decken und Kissen über den Schultern in loser, aber steter Reihe lautlos in den Wald. Irgendwo dort hinten muss das „Naturtheater“ sein.

Manche glauben, Freiluftkino sei so erfolgreich, weil im Sommer das Kino auf seinen einzigen wirklichen Konkurrenten trifft. Auf den bestirnten Himmel über uns. Die Sonne, ein überdimensionierter Projektor, macht die Sterne hell. Doch die verblassen dann vor der Leinwand. Noch wahrscheinlicher ist, dass jeder Cineast in der Sommernacht das Nächstliegende begreift: Die Welt ist ein grenzenloser Kinosaal, und wo sonst die Lämpchen für die Notausgänge blinken, übernehmen das jetzt die Sterne.

Die Friedrichshagener haben sich noch nicht damit abgefunden, dass ihr Ein-Saal- Kino zugemacht wurde. Aus der Perspektive des Sommers ist das natürlich ein Höhlenkino, und Sommermenschen sind Höhlenflüchter. An seiner traurigen Fassade hängt ein großes Transparent „Tag des offenen Kino-Denkmals“. Der soll Anfang September sein. Am „Naturtheater Friedrichshagen“ hängt aber auch ein Transparent, nur etwas kleiner: „Achtung, Gimme Shelter fängt erst gegen 22 Uhr an!“ Also eine Stunde später. Jetzt ist es kurz nach halb neun. Die meisten lesen die Nachricht und gehen trotzdem rein. Um 22 Uhr sitzen drei- bis vierhundert Doku-in-Originalsprache-ohne-Untertitel- Interessenten seit über einer Stunde auf ihren Plätzen. Die Leinwand ist immer noch dunkel. Ein schmaler Mann mit Pferdeschwanz steht gefasst hinter dem Cocktail-Tresen. Rainer Buchholz ist der Betreiber des Kinos im Naturtheater und eigentlich, sagt er, passiert so was nie. Der Verleih hat den Film nicht geliefert, und nun habe man eine Kopie in Frankfurt am Main aufgetrieben, die kommt gerade mit dem Flugzeug, welches Verspätung habe.

Die auf den harten Bänken vor der dunklen Leinwand warten klaglos. Freiluftkino in Berlin ist etwas anderes als in anderen Städten. Dort ist es Eventkultur, in Berlin aber gehört es zur sommerlichen Alltagskultur. Und Verspätungen sind nun mal ein herausragendes Merkmal jeden Alltags. Trotzdem, wenn sie hier doch so schöne weiße Liegestühle hätten wie im Freiluftkino auf der Museumsinsel. Außerdem kann man da auf die alte Nationalgalerie gucken, wenn noch nichts passiert. Aber das Naturtheater Friedrichshagen hat eher Ähnlichkeit mit der Waldbühne, es ist nur viel kleiner. In der Waldbühne haben sie bei einem Stones-Konzert mal die Holzbänke rausgerissen. Aber das ist lange her, und hier im „Naturtheater“ scheint die Geduld schwer erschöpflich.

Eine freundliche Mikrofonstimme sagt gegen 22 Uhr 15, der Film sei fast schon da (Beifall), es könne höchstens noch zwanzig Minuten dauern. Erste Unmutsäußerungen im Publikum, doch keiner will gehen oder sein Geld zurück. Und Rainer Buchholz wirkt zufrieden. Seit vier Jahren ist er nun schon Alleinbetreiber. Natürlich musste man erstmal ausprobieren, welche Filme gut laufen. Charlie Chaplin und Buster Keaton schon mal nicht, nicht mal mit Gitarrenbegeleitung. Das ist erstaunlich.

Denn ein Merkmal des Open-air-Kinos ist, dass es sämtliche Kinogesetze aus den Angeln hebt. Vor allem die Expertenmeinungen darüber, was Menschen sehen wollen. Open-air-Kinosaison ist die Hochzeit des Stummfilms. Erst kürzlich lief das frühe Fritz-Lang-Meisterwerk „Der müde Tod“ mit Bernhard Goetzke, allerdings nicht in Friedrichshagen. Und das Freiluftkino Friedrichshain wird Murnaus „Nosferatu“ zeigten. An „Nosferatu“ lässt sich erkennen, warum der deutsche Stummfilm so gut zu einer Sommernacht passt. Dieselben langen scharfen Schatten, die über den Wegen liegen, liegen nun auch auf der Leinwand. Und überhaupt kann man bei Stummfilmen die Nacht viel besser hören.

Der Filmvorführer fragt gegen 22 Uhr 30, ob er schon mal mit der Werbung anfangen solle. Warte lieber noch einen Moment, sagt Buchholz, wer weiß, wie lange so ein Kurier von Tegel ins Naturtheater Friedrichshagen braucht. Wenn es nicht die verspäteten Stones sind, zeigt man in Friedrichshagen Filme wie „Die Olsenbande fährt nach Jütland“ oder „Alfons Zitterbacke“. Würde in der „Hasenheide“ oder im „Freiluftkino Kreuzberg“ bestimmt nicht laufen, erstens, weil es sich um einen Kinderfilm handelt (um 21 Uhr für ein erwachsenes Publikum), und zweitens, weil die dort gar nicht wissen, wer Alfons Zitterbacke ist: eine Art DDR-Pippi-Langstrumpf, nur als Junge. Aber auch vor dem stillen Alzheimer-Film „Iris“ hat Rainer Buchholz keine Angst, und am liebsten mag er „Sprich mit ihr“ von Almodovar.

Andrea Stosick vom „Insel-Kino“ in Treptow mit Wasser, Strand und Strandkörben macht das auch so. Sie sieht mit ihren in alle Richtungen protestierenden roten Haaren viel kompromißloser aus als Buchholz mit dem Pferdeschwanz. Wenn ihr dieser japanische Film „Go“, der von einer koreanischen Gastarbeiterfamilie in Japan handelt, nun mal so gut gefallen hat, warum soll sie ihn ihrem Publikum vorenthalten? Im Freiluftkino Friedrichshain haben sie ja auch diesen Gedichtaufsagefilm „Poem“ gezeigt: vor 750 Leuten. Ein Erfolg. Andrea Stosicks Lieblingsfilm ist „Butterfly Kiss“ von Michael Winterbottom. Viel härter und viel deprimierender ist Kino nicht denkbar, das Wetter passte sich sofort der Handlung an. Es goss in Strömen bei 12 Grad – aber Andrea Stosick war sehr stolz auf ihre Gäste. Trotzdem ist sie froh, dass sogar die allabendlichen Unwetterwarnungen aufgehört haben. Sie erwartet jetzt einen Open-air-Rekord wie alle Berliner Freiluftkinos. Also stimmt es, der Sommer setzt alle geltenden Kino-Regeln außer Kraft. Man kann Filme ganz neu entdecken, die man schon gerichtet hatte. „Frida“ über die mexikanische Malerin Frida Kahlo zum Beispiel. Konventionell? Nur im Winter wirken diese Farben und diese Töne wie eine typische Hollywood-Übertreibung. Aber jetzt wissen wir: Mexiko ist hier.

Und dann sind da noch die Actionfilme, vermeintlich das einzige Mittel des Kinos, über den Sommer zu kommen. „Ich glaube nicht, dass einer von uns das sehen will“ (Naturtheater Friedrichshagen). „Wir haben mal ,Asterix und Obelix’ gezeigt, hat echt keinen Spaß gemacht“ (Freiluftkino Friedrichshain). Es muss an der Sommernacht liegen. Actionfilme erzeugen schon akustisch die Atmosphäre einer Entscheidungsschlacht. Die Grundatmosphäre der Sommernacht ist aber das Aussetzen aller Entscheidungsschlachten. Nur im „Autokino Berlin“ läuft noch der „Terminator drei“. Aber wo ein Autokino ist, ist ja auch keine Natur, nicht mal richtig Nacht.

Mit zwei Stunden Verspätung beginnt im „Naturtheater Friedrichshagen“ die Stones-Doku „Gimme Shelter“. Das Publikum klatscht. Erstens, weil es Bewegung braucht. Nach zwei Stunden bei inzwischen siebzehn Grad ist es doch ein wenig kühl geworden im Wald. Vor allem aber klatscht es, weil es nun mal zu jeder Alltagskultur gehört, dass man sich freut, wenn aussichtlose Dinge am Ende doch noch gut ausgehen. Und Mick Jaggers „Shelter“ ist, trotz der Gewalt des Altamont-Festivals, auf einmal Teil der großen, bestirnten Weltkinohöhle.

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