Kultur : Wenn Paris tanzt

CHRISTINA TILMANN

Fox gegen Disney: mit "Anastasia" beginnt der Kampf der Majors um die Kinder.In CinemascopeVON CHRISTINA TILMANNAls hätte die 20th Century Fox es vorausgesehen: Historische Liebesszenen auf Schiffen im Sonnenuntergang sind derzeit Kassenschlager.Kaum tanzten Leonardo Di Caprio und Kate Winslet in ihr Verderben und in den finanziellen Himmel, steht schon eine neue Romanze in den Startlöchern: Die russische Zarentochter Anastasia auf dem Weg ins Glück.Nach dem Ausstattungs-Monumentalfilm "Titanic" segelt die neugegründete Fox Animations Productions nun allerdings in fremden Gewässern: Im Trickfilmbereich soll dem Ozeanriesen Disney Productions mit einem flotten Flitzer Konkurrenz gemacht werden. Daß die Geschichte der verschollenen Zarentochter oscarträchtig ist, hatte die Fox schon 1956 mit Ingrid Bergman in Anatole Litvaks "Anastasia" bewiesen: eine von unzähligen Verfilmungen und Vertonungen.Die Geschichte hat alles, was ein dramatisches Märchen braucht: Die Aschenputtel-Romanze einer Prinzessin, die nichts von ihrer Herkunft weiß, die Dramatik von Revolution, Krieg und Verschwörung und die Liebesgeschichte, die am Ende stärker ist als der Standesdünkel.Daß die neue Anastasia, der Meg Ryan ihren großäugigen Charme lieh, dabei mit der Geschichte der Romanovs genauso leichtfertig umspringt wie es "Sissi" (ebenfalls gerade als Comicfigur für Kinder auferstanden) dazumal mit den Habsburgern tat, ist verzeihlich - schlummert im Anastasia-Traum doch genügend Legende für viele Fiktionen. Cinemascope ist der Trumpf, mit dem Fox Animation Studios gegenüber den Disney-Produktionen gewinnen will: Seit Cinderella 1959 gab es keine Zeichentrickfilme im Breitwandformat mehr.Eigens neu entwickelte Computertechniken ermöglichen bewegte Massenszenen, die in ihrer musikalischen Animation an den deutschen Stummfilm eines Lubitsch oder Lang erinnern: Wenn in St.Petersburg ein Ballsaal im Walzertakt wogt, ergeben sich fast ornamentale Konstellationen.Die mit vielen (in der Synchronisation leider kaum verständlichen) Songs aufgelockerte Story erreicht zuweilen Musicalqualitäten, wenn etwa ganz Paris auf dem Triumphbogen tanzt. Ob Anastasia, wie gehofft, als Kinderfilm Erfolg haben wird, bleibt allerdings zweifelhaft: Allzu gruselig sind die Szenen geraten, in denen Rasputin mit einer Schar grün-gefährlicher Geister die Zarentochter verfolgt.Der am Grunde der Neva überwinternde Magier verliert im untoten Zustand zuweilen vor Aufregung Kopf oder Fuß, taucht als Gerippe oder Geist im Traum der Zarentochter auf, bis er im action-geladenen Showdown von der Kraft der Liebe besiegt wird.Disney als Tribut geschuldet sind dagegen die liebenswerten Wegbegleiter, Anastasias Hund Pooka und Rasputins Fledermaus Bartok: Die putzigen Tierchen, Sympathieträger für die Kleinen, stehen ganz in der Nachfolge von Bernard und Bianca. Die Herausforderung gegenüber Disney ist auch eine personelle: Fast das gesamte Produktionsteam stammt aus Disney-Reihen: Don Bluth und Gary Goldman, die Produktion und Regie übernommen haben, waren in den 70er Jahren mit "Bernard und Bianca", "Robin Hood" und "Elliot das Schmunzelmonster" erfolgreich.Maureen Donley, ausführende Produzentin, war beteiligt an "Arielle", "Die Schöne und das Biest" und "Aladdin".Und William M.Mechanic, Präsident der 1994 gegründeten Fox Filmed Entertainment GmbH, war bis 1993 Präsident des internationalen Film- und weltweiten Videoverleihs der Disney Studios und hatte als solcher Gelegenheit, das Marktpotential von Zeichentrickfilmen zu studieren. Von dieser Promotionerfahrung zehrt Anastasia: Seit der Film im letzten Jahr in Amerika anlief, fährt Fox Animation Studios eine aggressive Werbekampagne, die selbst den Marketing-Aufwand für "Independence Day" übertrifft - und rühmt sich dessen noch.Trailer, Poster, Anzeigenkampagnen, Büchern und Parties führten allerdings in Amerika nur zu einem mittelprächtigen Start.Auch wenn ein Zeichentrick ein reines Kunstprodukt ist: Promotion ist nicht alles. Auf 25 Berliner Leinwänden; Kurbel (OV)

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