Kultur : Wenn Saurier tönerne Eier legen Eine Berliner Ausstellung zeigt japanische Keramik

Jens Hinrichsen

Nichts gegen Volkshochschul-Töpferkurse. Doch in Japan genießt die Keramik einen höheren Stellenwert als bei uns. Wenige Europäer wissen das besser als das Ehepaar Anneliese und Wulf Crueger. Die Anfänge ihrer Sammelleidenschaft führen zurück ins Museum für Ostasiatische Kunst zu Berlin, wie es damals noch hieß. Dort wurde 1978 „Japanische Keramik“ präsentiert. Der Funke sprang über. Gut 30 Jahre und viele Japanreisen später zählt das Paar zu gefragten Kennern. Ihr Handbuch „Wege zur Japanischen Keramik“ gilt als Duden der Töpferkunst. Auch ihre 400 Objekte zählende Kollektion trägt enzyklopädische Züge – „im besten Humboldt’schen Sinne“, so Kurator Alexander Hoffmann.

Heute teilen sich das Leipziger Grassi- Museum und das Museum für Asiatische Kunst die Sammlung Crueger. Der Fokus liegt auf Arbeiten aus dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Nach der Schenkung von 2008 sind jetzt weitere Exponate nach Dahlem gelangt. Ein Grund zum Feiern. Die schöne Ausstellung „Keramik-Kosmos Japan“ zeigt mit 100 Vasen, Schalen und Kleinskulpturen, wie fließend dort die Grenzen zwischen bildender und angewandter Kunst sind, wie Tradition und Innovation ineinander übergehen.

Aus einem geschlossenen Band weißer Porzellanmasse formte Nagae Shigekazu 2006 direkt beim Brand eine luftig geschwungene Skulptur, die mindestens so aufregend aussieht wie das Modell für einen Frank-Gehry-Bau. Hoshino Satorus’ amöbenhaftes Objekt „Beginning Form – Spiral 05 B“ (2007) erinnert daran, dass Anneliese und Wulf Crueger von Beruf Mikrobiologen sind. Die Steinzeugarbeiten Satorus’ leben von ihren porösen, durch kräftigen Fingerdruck erzeugten Oberflächen. Zu den weiteren Schätzen neben den Unikaten von Studiotöpfern gehört eine „Meta-Void“-Skulptur von Akiyama Yô, die an ein siamesisch verbundenes Paar zerbrochener und dann versteinerter Saurier-Eier erinnert (2004). Ono Jirôs blaugrün schimmernde Kugelvase von 1998 markiert den Übergang zum Gebrauchsobjekt.

Die japanische Teezeremonie des 16. Jahrhunderts fällt mit einem frühen Höhepunkt des keramischen Schaffens zusammen. Und so sind (moderne) Teeschalen, Frischwasser- und Räuchergefäße aus der Crueger-Sammlung auch im Teeraum zu finden. Im Obergeschoss des Hauses sind die Erzeugnisse regionaler Traditionen geografisch geordnet. Darin spiegelt sich die Gliederung der Keramiklandschaft Japans nach „Öfen“, womit sowohl eine kleine Werkstatt als auch ein ganzes Gebiet miteinander verbundener Manufakturen gemeint sein kann. Die Wandvitrine deutet mit ihrem Dutzend Kleinvasen und -schalen den ganzen Reichtum an Formen und Oberflächen an. Darunter befinden sich eine Vase in Diamantform, eine als geschlossener Schirm gestaltete Sakeflasche und eine Schale, in deren Mitte Farbströme hineinlaufen, als wäre es ein Gemälde des amerikanischen Colorfield-Malers Morris Louis. Jens Hinrichsen

Museum für Asiat. Kunst, Lansstr. 8, bis 3. 4.; Di-So 10-18, Sa 11-18 Uhr. Katalog 35 €.

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