• Wenn sich das Bein zum Himmel biegt Lässige Eleganz: das Alvin Ailey American Dance Theatre in Berlin

Kultur : Wenn sich das Bein zum Himmel biegt Lässige Eleganz: das Alvin Ailey American Dance Theatre in Berlin

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So ein Opernhaus hat schon viele Verwandlungen erlebt. Mal gibt es sich als sächsische Burg, mal als ägyptisches Feldlager, auch als finsteres Schiff und muffigen Kerker durfte man es schon erleben. Doch meist hat die Sache einen Haken: Die mühsam erschaffene Illusion endet abrupt an der Bühnenkante. Wenn sich aber das Alvin Ailey American Dance Theatre zu seinem einzigen Deutschland-Gastspiel ansagt, kommt selbst die greise Staatsoper Unter den Linden ins Staunen. Mit „Revelations“, jener legendären Choreografie von 1960, die sich seitdem zu so etwas wie dem getanzten Grundgesetz des Ensembles entwickelt hat, entsteht aus Gips und Samt eine Gospel-Kirche, in der sich die oft als Heiden gescholtenen Berliner in eine beseelt im Takt klatschende Gemeinde verwandeln.

Alvin Ailey, der 1989 verstorbene Gründervater der Formation, träumte wie Martin Luther King von einer schwarzen Kultur als integrierter Teil des amerikanischen Bewusstseins. Er, der unter ärmlichen Verhältnissen im Süden der USA aufgewachsen war, zeigte in seinen Choreografien zu Spirituals ausgelassene Tänzer im feinen Sonntagsgewand. Es gibt keine Herren außer dem Herrn. Also, freuet Euch! Der harsche Ton der Anklage war Ailey fremd, an der Vergangenheit interessierte ihn der Glaube sowie die Gesänge und Tänze Afrikas, die er mit seinen Erfahrungen von Broadway und Modern Dance verschmelzen ließ. Seit dem Tod Aileys wacht seine ehemalige Startänzerin Judith Jamison über diese populäre Mischung und versucht, die Flamme des beherzten Tanzens an junge Talente weiterzugeben.

Wie ihr das mit „Revelations“ gelingt, ist ein Wunder. Blitzschnell könnte diese Szenenfolge als schlingernder „Showboat“-Aufguss absaufen. Doch neben ihrer technischen Perfektion bringen die Tänzer eine Leidenschaftlichkeit mit auf die Bühne, die Body and Soul als unwiderstehliche Einheit feiert. Aileys Chiffren der Hingabe sind noch immer erstaunlich in ihrer konzentrierten, hochenergetischen Wirkung. Und wenn ein gen Bühnenhimmel gestrecktes Bein tatsächlich als Verbindung zu Höherem erscheint, dann ist man längst gefangen im Bann der „Supernaturals“, wie die Ailey-Tänzer bewundernd genannt werden. Eine Faszination, die ansteckt: Schon Kinder träumen davon, später einmal in das Ensemble aufgenommen zu werden.

Doch die Company ist ein kostbares Instrument, das nicht jeder beherrscht. Ronald K.Browns Choreografie „Serving Nia“ erscheint zu sehr als grob animierte Ethno-Recherche. Raffinierter gelingt es Alonzo King, die phänomenale Form des Ensembles in Szene zu setzen. In seine Arbeit „Following the Subtle Current Upstream“ hat er überraschende, scharf geschnittene Reihungen klassischer Ballettfiguren eingelassen, die aberwitzige Körperbeherrschung verlangen. Ein urbaner Bewegungsmix, sophisticated und mit lässiger Brillanz getanzt. Das Publikum rast. Dem Herrn sei Dank. Ulrich Amling

Weitere Vorstellungen bis 28. Juli

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