Kultur : Wenn sich das Rohrblatt wendet

Jörg Königsdorf

Der erste Eindruck, den der heranwachsende Bildungsbürger von der Oboe bekommt, ist seit gut einem halben Jahrhundert nicht gerade schmeichelhaft. In seinem didaktischen Instrumentaldramolett „Peter und der Wolf“ teilte Sergej Prokofjew diesem Instrument die Rolle der Ente zu – ein ziemlich impertinentes Tier mit quäkender Stimme, träge und im Kopf auch nicht besonders helle. Ein absolutes Negativimage mithin, und in der Regel haben nicht einmal die zartfühlendsten Kinder etwas dagegen einzuwenden, dass dieser Vogel vom Wolf verschluckt wird.

Erste Eindrücke prägen fürs Leben, wie die Wissenschaft weiß. Kein Wunder daher, dass die Oboer lange Zeit im Klassikbusiness keinen Stich bekamen, während sich ihre Pultkollegen Flöte und Klarinette im Solistenglanz sonnen durften. Seit einigen Jahren aber hat sich das Rohrblatt gewendet und das hässliche Entlein ist im Begriff, zum Schwan zu werden. Vater der Bewegung ist Albrecht Mayer , der Solooboist der Berliner Philharmoniker, dessen CDs bei der Deutschen Grammophon ganz oben in den Klassikcharts landeten und prompt eine Oboen-Hausse auslösten. Bei der EMI brachte Mayers Philharmoniker-Kollege Christoph Hartmann vor Kurzem eine CD mit Verdi- und Bellini-Potpurris des italienischen Virtuosen Antonio Pasculli heraus, und auch die SonyBMG hat sich mit Francois Leleux einen Hausoboisten zugelegt. Der Siegeszug des Instruments erfolgt dabei weitgehend unter Umgehung der Originalliteratur: Weil die großen Komponisten offenbar Prokofjews Vorurteil gegen die Oboe teilten und kaum etwas für dieses Instrument schrieben, haben sich Mayer und Co. kurzerhand die Hits aus Oper und Konzert gekapert – und mit Bach- und Händel-Arien das Publikum davon überzeugt, dass auch die Oboe zu innigen Ohrschmeicheltönen in der Lage ist. Bei seinem Konzert mit der österreichisch-ungarischen Haydn-Philharmonie im Kammermusiksaal steht am Freitag allerdings mit Mozarts C-Dur-Konzert das wohl bekannteste Originalwerk für Oboe im Mittelpunkt, stilgerecht gerahmt von zwei späten Haydn-Sinfonien.

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