Kultur : Wenn Sie gehen, sind Sie draußen

Theater erobert den zweiten Arbeitsmarkt: Jürgen Kuttners Ein-Euro-Abend in der Berliner Volksbühne

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Was passiert, wenn nichts passiert? Wenn das Theater, statt als Kommentar zu Hartz IV gut bezahlte Schauspieler als Arbeitslose zu verkleiden, sich einfach selbst arbeitslos macht? Die Berliner Volksbühne, seltsamen soziologischen Versuchsanordnungen nie abgeneigt, hat sich am Donnerstag für eine Stunde in eine Arbeitsagentur verwandelt. Statt das Publikum Eintrittsgeld dafür bezahlen zu lassen, Schauspielern in sozialkritischen Stücken zuzusehen, drehte Jürgen Kuttner, der Erfinder des Abends, das Spiel um. Zu sehen gab es nichts, dafür durfte, wer exakt eine Stunde dieses NichtTheaters ertragen hatte, seine Eintrittskarte nach Ende der Veranstaltung an der Kasse gegen einen Euro eintauschen: der Theaterbesuch als Ein-Euro-Job.

Kuttner: „Was Sie aus dem Abend machen, ist Ihre Sache.“ Beschäftigungspolitische Maßnahmen kommen nicht ohne Härten aus, also galten ganz Volksbühnen-untypisch strenge Spielregeln. Weil die Krankenstände und Pinkelpausen der deutschen Arbeitnehmer bekanntlich die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts erheblich schwächen, durfte der Arbeitsplatz im Parkett nicht verlassen werden. Wer sich eine Auszeit im Foyer gönnen wollte, wurde automatisch von der weiteren Teilnahme ausgeschlossen. Kuttner: „Sie befinden sich hier im zweiten Arbeitsmarkt. Wenn Sie den verlassen, sind Sie draußen. Dann weht Ihnen der eiskalte Wind des Kapitalismus um die Ohren. Und wer mal arbeitslos war, weiß ja, wie schwer es ist, wieder in den Arbeitsmarkt zurückzukommen.“ So wurden die Türsteher der Volksbühne zu Symbolen der Inklusions-Exklusions-Mechanismen der Arbeitsgesellschaft. Sie verweigerten Abbrechern die Rückkehr in den Zuschauerraum.

Die Simulation von Arbeit ist ein florierendes Geschäft, nicht nur an diesem romantischen Abend in der Volksbühne. Wenn Arbeitslosen Fortbildungsmaßnahmen angeboten werden, die allzu oft niemandem außer den Fortbildungs-Instituten nutzen, ist die Analogie zu den Simulationsspielen des Theaters naheliegend. Das gilt für mehr oder weniger sinnfreie ABM-Maßnahmen oder Scheinfirmen der Arbeitsagentur, die nur den Zweck haben, die Beschäftigten zu zwingen, so tun, als würden sie arbeiten. Das ist Staatstheater in großem Stil. Schauspielhäuser, denen zu Hartz IV leider nicht mehr als politisch korrekter Sozialkitsch einfällt, demonstrieren damit lediglich ihre Unfähigkeit, mit Mitteln des Theaters auf das groß dimensionierte Real-Theater der Arbeitsagenturen zu reagieren.

Das gilt erst recht für unbedarften Agitprop samt Arbeitslosen-Chor und populistischen Lynch-Parolen, wie es das Dresdner Staatsschauspiel vor kurzem in seiner umstrittenen „Weber“-Inszenierung vorgeführt hat. Derlei Rot-Front-Nostalgie besitzt einen anheimelnden Kuschel-Effekt und verströmt den Geruch von Opportunismus: Das reiche Theater spielt Armut, festangestellte Künstler entdecken das Rollenfach „Sozialfall“ für sich, eine hochsubventionierte Institution spielt Klassenkampf. Frank Castorf hat schon vor sieben Jahren mit Hauptmann lustigen Schindluder getrieben – er spielte „Die Weber“ als frühes Globalisierungsdrama durch.

Der Gefälligkeits-Faktor des Ein-Euro-Abends der Volksbühne fiel ungleich kleiner aus. Denn auf die neomarxistische Stand-Up-Comedy, mit der Kuttner das Publikum auf die Stunde Nichts-Tun vorbereitet hatte, folgte ein anstrengender Abend. Nach einiger Zeit nutzen die ersten Aktivisten die Bühne für ihre Statements. Der Zufall wollte es, dass ihre Abfolge Protest-Moden und Zeitgeist-Mentalitäten der letzten Jahrzehnte im Zeitraffer passieren ließ. Nachdem eine junge Frau mit Che-Guevara-T-Shirt das Publikum aufgefordert hatte, den Euro zu spenden und damit nur höhnisches Gelächter geerntet hatte, war klar, dass die Betroffenheitsgesten der Siebzigerjahre als Antwort auf Hartz IV kaum Überzeugungskraft besitzen. Es folgte in Form einiger lässiger Hip-Hop-Teenager die Spaßgesellschaft und damit ein anderes Auslaufmodell aus besseren Zeiten.

Ein Sozialarbeiter zerstörte die Partylaune, indem er von Armenspeisungen in Berliner Kirchen berichtete. Inzwischen kommen so viele bedürftige Menschen in die Kirchen, dass die Pfarrer demnächst gezwungen sein werden, per Los über die Essensausgabe entscheiden zu lassen. Wer Pech hat, fällt dann auch durch das letzte soziale Netz. Mit diesem bitteren Bericht aus den Elendsregionen der Stadtgesellschaft brach für einen Moment Realität ins unverbindliche Spiel ein. Weit moderner als der wütende Sozialarbeiter reagierte ein junger Mann.

Er wollte den Zuschauern anbieten, ihm ihre Karten für 50 Cent zu verkaufen, so dass nicht alle 600 Zuschauer eine ganze Stunde im Parkett vertrödeln müssen und sich ohne Umwege ins Nacht-Leben stürzen können. Der Jungunternehmer selbst wollte mit den billig gekauften Eintrittskarte die ganze Stunde absitzen – und anschließend die Tickets für je einen Euro an der Kasse verkaufen. Das ist das schöne am Kapitalismus: Er bietet auch in der Rezession viele schöne Chancen für Geschäfte und eine blühende Schattenwirtschaft.

Gerade in der Krise gilt Niklas Luhmanns Satz, das Schöne am Chaos sei, dass es die Möglichkeiten der Selbstorganisation erhöhe. Christoph Schlingensief, auch ein Luhmannianer, formulierte es so: Scheitern als Chance.

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