Kultur : Wenn Stifter plötzlich stiften gehen

Nicola Kuhn

Eigentlich schien ein solches Ansinnen tabu, doch nun hat es Hamburg trotzdem noch mal versucht. Nachdem sich die klamme Hansestadt bereits mit dem Ausverkauf und geplanten Abriss des Gängeviertels, einem der letzten historischen Häuserensembles in der Innenstadt, durch lautstarke Künstlerproteste bundesweit in Verruf brachte, wagt sie nun die nächste Verzweiflungstat, um leere Kassen zu füllen. Zumindest beinahe.

An den Direktor der Kunsthalle war durch den Stiftungsrat die Aufforderung ergangen, eine Liste mit all jenen Kunstwerken zu erstellen, die entbehrlich und zugleich wertvoll sind. Richtig pikant wird der Vorschlag dadurch, dass ihn die Kultursenatorin Karin von Welck als Vorsitzende des Stiftungsrates machte. Nicht nur als Kulturpolitikerin, sondern auch als einstige Direktorin des Mannheimer Reiss-Museums hätte man von ihr anderes erwartet, denn der Verkauf von Werken aus Museumsbestand gilt als schlimmstes Vergehen und wird vom Internationalen Museumsrat ICOM mit dem Bannstrahl belegt. Michael Eissenhauer, Präsident des Deutschen Museumsbundes, erklärte denn sogleich, dass die Museen kein Rückhaltebecken seien, aus dem in Zeiten finanzieller Engpässe geschöpft werden könne.

Warum nicht, wenn es dem Museum zugute kommt, lautet die Gegenfrage. Zumal bei der Hamburger Kunsthalle, die ein Millionenloch aufweist, nachdem sie erst 2007 entschuldet worden war. Da hilft auch nicht der Hinweis, dass im Laufe des Jahres Sponsorengelder in Höhe von 900 000 Euro einbehalten wurden, die Versicherungssumme für den wieder aufgefundenen C. D. Friedrich erstattet werden musste und sich die Besucherzahlen verschlechterten.

Trotzdem kann es keine Lösung sein, sich an Bildern zu vergreifen, die einmal erworben wurden, weil man sie für kunsthistorisch wertvoll hielt. Der Zeitgeschmack mag sich ändern; vieles findet aus dem Depot jahrzehntelang nicht mehr heraus. Doch gehört es zu den Grundaufgaben des Museums, zu sammeln, zu forschen, zu vermitteln – und zu bewahren. Hier vergewissert sich eine Gesellschaft ihres eigenen Erkenntnisprozesses, dokumentiert sie ihre kulturelle Verortung. Die öffentliche Institution ist gerade kein Durchlauferhitzer wie manches Sammler-„Museum“, das die privaten Vorlieben seines Besitzers und den Markttrend zeigt und das nach Gutdünken wieder geschlossen werden kann.

Das einzige Schlupfloch, das der Museumsrat gewährt, ist ein Verkauf zwecks anderer Neuerwerbungen. Aber auch das ist ein fragwürdiges Unterfangen, denn so manches Stück, so mancher Stil hat nach Zeiten der Missachtung seine Neubewertung erfahren. Ausstellungen, die Picassos Spätwerk, Mark Rothkos frühe figurative Kunst oder die spätantike Plastik rehabilitieren, zeugen davon.

Hubertus Gassner, der Direktor der Hamburger Kunsthalle, hat den Angriff auf seine Sammlung zunächst abgewehrt. Er weigerte sich, die gewünschte Liste aufzustellen, und wies schmallippig darauf hin, dass die Stiftung nur 7,3 Prozent an den Werken des Museums halte und es deshalb nichts zu veräußern gebe. Das letzte Wort habe die Bürgerschaft, der das Museum gehört. Die Stiftung hat sich allerdings ins Abseits gestellt. Denn welcher Gönner mag noch Bilder schenken, wenn sie alsbald zur Disposition stehen. In den USA, wo die Finanzkrise den Museen besonders böse mitspielte, wird dieses Mittel zwar schneller eingesetzt, zumal die Grundlagen andere sind. Doch auch dort ruinieren Verkäufe den Ruf.

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