Kultur : Wenn’s brennt im Hirn

Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth über verführte Verführer und das Blubbern in der Musik

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Was ist Ihr liebstes Mozart-Klischee?

Die Mozartkugel. Das Gesicherte an Mozart hat sich in der Mozartkugel niedergeschlagen. Wie macht man aus jemandem Geld, der sich nicht mehr wehren kann? Indem man ihn wegisst.

Richtet das Mozart-Jahr Schaden an?

In der Musik nicht. Das ist ja das Faszinierende: Die Musik ist unzerstörbar. Je mehr man sich mit Mozart beschäftigt, desto mehr entzieht er sich. Er ist nicht greifbar. Mozart ist ein rebellischer Aufklärer und kein bürokratischer.

Was haben Sie von Mozart gelernt?

Unbändig zu bleiben. Mozart war eingegliedert in eine höfisch-absolutistische Adelsgesellschaft, und die war für ihn besser als ein Bürgertum, das ihn bloß als idiot savant abgestempelt hätte. Die Rahmen, die Mozart gesetzt waren, hat er stets auf listige Weise zu umgehen gewusst. Nicht im vorauseilenden Gehorsam dem Geschmack hinterherlaufen, das kann man auch von ihm lernen.

Können Sie denn noch rebellisch sein?

In der klassischen Musik – und das ist der große Unterschied zu den anderen zeitgenössischen Künsten – existieren bis heute wenige Sonnenkönige, die bestimmen, was Kunst ist. Diese pseudo-aufgeklärten und -liberalen, letztlich aber doch bleiplombierten Intendanten und Großveranstalter, die genau wissen, was gut ist und was schlecht. Nachdem ich sehr viel Unglaubliches und Enttäuschendes erlebt habe, stehe ich da gelassen darüber, schon aus Selbstschutz.

Die Salzburger Festspiele haben Ihnen den Auftrag, für 2006 eine „Don Giovanni“- Opernparaphrase zu schreiben, wieder entzogen. Warum?

Man war der Meinung, Elfriede Jelineks Libretto sei nicht gut. Unsere Geschichte, in der der Verführte zum Verführer wird, hat offenbar Angstfantasien ausgelöst. Sie erkannten für sich, dass sie das nicht mitmachen können, ohne dass es sie auch selber sprengt – deshalb mussten wir abserviert werden. Das alles verrät nicht nur etwas über unseren Umgang mit Mozart, mit Individualismus, Freiheitslust, mit gesellschaftlich gedeckelten Parallelwelten, sondern auch etwas über Kunst und Politik. In unserer neokonservativen Zeit gibt es sehr viele Normen. Da muss man nur einmal die Plakataktion „Was ist Kunst?“ in Österreich nehmen. Kunst ist die Übertreibung einer Erregung. Als Lippenbekenntnis wird posaunt, dass die Kunst geschützt werden muss, aber eben nur, solange es Kunst ist ... ein verlogener Slalom.

Übertreibt Mozart auch?

Natürlich! Alle seine Figuren, von Figaro bis zu Despina, sind vergrößert, sind Übertreibungen, um eine Obsession auszudrücken, eine Ungezähmtheit und Leidenschaft. In diesem Sinne ist Don Giovanni für mich ein phallisches Produkt. Eine absolut künstliche Figur, an der sich jeder reibt, weil jeder seine Amourösitäten auf sie projizieren kann. Elfriede Jelinek und ich hatten sozusagen den Originalfall eines solchen Verführers im Sinn. Damit wird vieles drastischer.

Reißt die Tatsache, dass es Ihr Stück nun nicht geben wird, ein Loch ins Mozart- Jahr?

Ach, das Mozart-Jahr ist wie ein Soufflee, mit viel Schlagsahne, das fällt in sich zusammen, als wäre nie wirklich etwas gewesen. Und ins Nichts lassen sich schwer Löcher reißen.

Wo begegnet man Mozart trotzdem?

Ganz bei sich selbst vielleicht. Komponieren ist ja ein sehr einsames Geschäft. Es braucht viel, um zu verstehen, was dieses Veröffentlichen von gedachten Klängen eigentlich bedeutet. Die Frage nach den Bedingungen der Arbeit aber taucht bei Mozart nie auf. Wenn Nikolaus Harnoncourt laut darüber nachdenkt, dass Mozart ihm wohl unsympathisch gewesen wäre, dann sagt das doch alles! Man hat Angst vor dem ungebärdigen Menschen hinter der Kunstfassade. Also darf bei Mozart der Mensch tunlichst nicht vorkommen. Als wäre er als Komponist auf ein Hirn reduziert, völlig losgelöst vom Sein. Ich finde das unerhört aggressiv.

Haben Sie ein persönliches Verhältnis zu ihm?

Er ist mir sympathisch. Im Übrigen glaube ich nicht, dass er am Klavier komponiert hat. So viel Musik schreibt sich nicht in 35 Jahren, indem man am Klavier sitzt und kling, kling, kling nach Tönen sucht. Das war bei ihm alles fertig im Kopf. Umso nerviger hat sich der Prozess des Niederschreibens gestaltet. Das sind zwei völlig verschiedene Zeitwelten, das innere Hören einer frei fließenden Musik und das mühsame Zu-Papier-Bringen von Noten. Ich kann sehr gut verstehen, dass einen dieser Widerspruch rasant macht und nervös. Es brennt im Hirn. Deshalb blubbert Mozarts Musik auch so, die springt und sprudelt ja ganz exorbitant.

Viele Ihrer Komponistenkollegen sagen, Mozart tauge nicht als Inspirationsquelle.

Das kann ich nicht finden! Mozart ist ein Kosmos. Wenn man hineinbohrt, ist alles da. Vom Banalen bis zum Tragischen, vom Glatten bis zum Exponierten, vom Weinerlichen bis zum Lustigen.

Aber könnte es nicht gerade ein Problem sein, dass Mozart immer alles sagt? Fürs Gegenüber, für die Betrachterin bleibt da unter Umständen wenig übrig.

Gottseidank sagt Mozart alles! Das ist ja das Wunderbare. Mozart wendet sich an Selberdenker. Vielleicht lässt er einem dabei wenig Freiraum, vielleicht überbordet und überfordert er einen. Ich habe vor dieser Überbordung keine Angst.

Was würden Sie Mozart zum 250. Geburtstag schenken?

Eine Reise. Damit er verschwinden kann. Und seine Ruhe hat.

Interview: Christine Lemke-Matwey

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