Kultur : Wer alles fehlt

KLASSIK

Ulrich Amling

Jetzt nur keine Energie verschleudern: Berlin hat sich zum ganzjährigen Überwintern zusammengerollt. Man ist schon froh, wenn es nicht noch schlimmer kommt – und hält das mühsam erarbeitete Geld beisammen. Neugier wohnt hier nicht mehr, und Konzertsäle bleiben leer, wenn nicht Markenartikler wie Barenboim repräsentativ Beethoven oder Brahms aufführen. Wie sehr wirtschaftliche Depression und politische Niedergeschlagenheit die Lust auf unbekannte musikalische Gefilde dämpfen, zeigt exemplarisch das Gastspiel der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen im Konzerthaus . Vielleicht drei Dutzend Zuhörer fanden den Weg in den Großen Saal, um dieses Spitzenensemble mit einem Programm zu hören, das Zeitgenossenschaft und Sinnlichkeit verbindet. Feine Echos von Mahlers „Lied von der Erde“ glaubt man in Luciano Berios „Requies“ zu entdecken, melodiöse Inselgruppen tauchen in einem Ozean der Erinnerung auf. Eine Musik der Trauer, die unter der behutsamen Leitung von George Benjamin keinen schwarzen Rand ansetzt. Geisterhaft weht die „Piccola Musica Notturna“ von Luigi Dallapiccola vorüber, deren dumpfe Trommelschläge sich auch als archaische Einschübe in Benjamins „Three Inventions“ wiederfinden. Von Farbstrahlen ließ sich Claude Vivier zu seinen Werken inspirieren, die aus mittelalterlichen Kirchenschiffen zu dringen scheinen. Sein „Lonely Child“ wird dort in tröstenden Schlaf gesungen, bevor Manuel de Fallas kühl-raffinierter Liebeszauber die Herzen schneller schlagen lässt. Und ein großartiges Konzert in einem leeren Saal verklingt.

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