Kultur : Wer alles hat, der will noch mal

„Tänzerinnen + Drücker. TV Massaker“ – eine Franz-Xaver-Kroetz-Uraufführung in München

Mirko Weber

Unter sechzehn Jahren kein Einlass, ja hoppala. Es sind dann aber alle Zuschauer im Münchner Marstall bereits ältere bis älteste Semester. Und kennen die einschlägige Literatur: Dass Fernsehen blöd macht. Kennen aber auch ihren Kroetz, der, weil seine Frau sich von ihm getrennt hat, zurück in Bayern ist und wieder angreift auf dem Theater. Zuerst noch zaghaft humoristisch in einer Kasperlbude im Februar, als er Jörg Grasers „Servus Kabul“ fürs Residenztheater regielich vergackeierte, jetzt wieder als Autor und Inszenierer in Personalunion.

Vier Männer flegeln sich da also in abgeschabtem Polstermobiliar, die eine Hand an der Fernbedienung, die andere am persönlichen „Joystick“, es wird onaniert, dass es nur so spritzt. Und alles wegen Tina, Tina im TV. Marcus Calvin, Robert Joseph Bartl, Christian Lerch und Peter Albers widmen sich dem Fernsehdauerprogramm, welches, wie Kroetz (oha!) in langen Studienjahren auf Teneriffa festgestellt hat, aus lauter Dreck besteht, und der Mensch, sagt Kroetz, „ist ein Viech“, der frisst alles, und keucht und kotzt, und sitzt dann nur noch da in seiner „angepinkelten Trainingshose“: ein „Hartz-IV-Schweinchen“ (Kroetz).

Den ersten Teil von „Drücker + Tänzerinnen“ fängt der Regisseur Kroetz fast als Fuge an. Für fünf Minuten, genau so lange, wie die vier Männer brauchen, ein Tages- und Nacht-RTL-Programm herunterzubeten, lässt er die Stimmen virtuos laufen. Dann aber zerfällt ihm, was ihm so abgrundtief missfällt, denn für Kroetz ist das alles eins, was einem als medialer Brei entgegenquillt. Politik, Unterhaltung, Sport: Wer alles hat, der will noch mal. Und wer geistig nur genug verstümmelt ist, greift bald selbst zum Messer und schlitzt einen Teddy auf. Oder sich. Oder einen anderen Zombie. Kroetz ist auf der höchsten aller Erregungspalmen. Aber drum herum ist dann doch nur recht flaches Erkenntnisland: viel Wut, kein Witz. Öde ist’s. Und das einzige Wunder bleibt, dass die Schauspieler da bis zur Selbstverleugnung mittun. Zum Abgang tönt die Deutschlandhymne.

„Tänzerinnen“, der zweite Einakter, versammelt drei sorgsam entstellte Münchner Großschauspielerinnen als Altenheiminsassen. Am Tropf: Sibylle Canonica, am Eierlikör klebend: Jennifer Minetti. Am Silikonbusen nestelnd: Eva Schuckardt. Gegenüber den jämmerlichen Männern zuvor haben die Frauen den Vorteil, über ein Erinnerungsvermögen zu verfügen. Kino (James Dean!), Amouren, Erfolge: doch, da war mal was. Und wie Canonica, Minetti und Schuckardt Kroetzens Suada sprechen, spielen, hätte schon fast wieder was – wenn ein Gehalt drin wäre. Kroetz denkt, er packe die Welt am Wickel, dabei hat er sie nur am Wickerl: Den halben Abend stinkt es von der Bühne gottserbärmlich nach Kraut. Das kommt vom Altenheimessen, aber vom Dramatiker schon auch, der alles verkocht. Und wieder aufwärmt.

Es gab einmal einen Kroetz, der baute mit drei kurzen Sätzen eine Welt. Der Kroetz von heute bastelt mit 300 Sätzen an einer Szene. Man begreift immer noch gleich, worum es geht, nicht aber, warum es im Text ewig so weitergeht: wohlgemerkt im Kreis. Am Schluss, weil böse ausgebuht, zeigt Kroetz dem Publikum den Mittelfinger und nimmt ihn gar nicht mehr runter. Scho recht, Franz!

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