Kultur : Wer bin ich?

Das Berliner Festival Ultraschall ist eröffnet.

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Sie ist ja gar nicht so, die Neue Musik. Ausgesprochen „historisch“ geht es bei der Eröffnung des Ultraschall-Festivals (bis 29.1.) zu. Zwei Komponisten sind zu entdecken, die nie in innere Avantgarde-Zirkel gelangten. Vorurteile sind diesmal besonders leicht abzubauen: Existenziell Tieflotendes, Sinnliches, Dramatisches nimmt einen immer wieder gefangen. „Musik für das Ende“ nennt Claude Vivier sein Chorwerk von 1971, das eher rituelle Handlung ist als musikalisch überzeugen kann.

Der kanadische Komponist, der 1983 35-jährig eines gewaltsamen Todes starb, übersiedelte im Entstehungsjahr nach Europa und wurde Schüler von Stockhausen. Übergänge zwischen Naivität und Raffinement zeichnen das Werk aus. Tastend schickt der Rias-Kammerchor, der aus wenigen Anweisungen seine Uraufführungsfassung zusammenstellte, liturgisch anmutende Linien in den Raum, die sich zu dichten Klangnetzen fügen und wieder entflechten. Das schrammt am Kitsch entlang, wenn es unter den durch die dämmrige Parochialkirche wandelnden Sängern plötzlich aufschreit: „Wer bin ich? Wohin gehe ich?“ – und ist doch ein anrührendes Dokument der Sinnsuche.

Wie viel erfrischender die gut 20 Jahre älteren Chorfragmente von Barraqué, der wie Vivier ursprünglich Priester werden wollte – und einen neuen Glauben im Serialismus fand. Hier ist noch alles Klang am Rande der Tonalität – nur einen Monat später versucht sich eine Violinsonate in strenger reihentechnischer Reduktion, der Carolin Widmann verblüffende, von Punkt zu Punkt wechselnde Ausdrucksvaleurs abgewinnt. „Anthèmes 1“ von Pierre Boulez für Violine solo zeigt 1990, wie sich rhythmisch-virtuos verfestigen kann, was melodisch fragil begann.

Auch tags darauf im Radialsystem werden dramatische Botschaften am Rande des Musiktheatralischen versandt. „Hoqueti“ nennt Sarah Nemtsov Traumprotokolle nach Texten von Adorno, Brecht und Benjamin, in denen die alle Stimmregister ziehenden Neuen Vocalsolisten dunkel Drohendes mit Gongs und geräuschhaft eingesetzten Kontrabässen produzieren. (Nemtsovs Zyklus „A Long way away“ wird am Donnerstag in den Sophiensälen szenisch uraufgeführt.)

In Oscar Bianchis ausladender Kantate „Matra“ entfacht das Collegium Novum Zürich unter Jonathan Stockhammer apokalyptische Klänge, allen voran Susanne Fröhlich auf der schrill überblasenen und schaurig unkenden Paetzold-Kontrabassblockflöte. Das Werk des 36-jährigen Schweizers beschwört nach dem „Vijnara-Bhairava Tantra“ Schein und Wirklichkeit der Existenz und spielt mit Stille und Klangeruption. Konventioneller Bianchis Streichquartett „adesso“: Entstehen und Vergehen des Klangs im Moment ist Wesen jeder Musik. Eindrucksvoller wirkt bei diesem Auftritt des Diotima-Quartetts ein hochdifferenziertes Werk von Alberto Posada mit darüberschwebenden Sopran (Caroline Stein) sowie ein konzises Quartett Barraqués, von dem noch das gesamte frühe Klavierwerk zu erleben sein wird. Isabel Herzfeld

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