Kultur : Wer das Licht liebt

Reisen ins Unbekannte: „Extraño“, eine Entdeckung aus Argentinien

Jan Schulz-Ojala

Was wissen wir schon über Axel. Dass er Arzt ist und aus irgendwelchen Gründen gerade nicht praktiziert. Dass er eine Schwester hat mit zwei Kindern, dass er zeitweise bei den dreien wohnt. Dass er, schätzen wir ihn auf Mitte vierzig, seine Tage im Café verbringt und aus dem Fenster starrt. Dass er nur spricht, wenn man ihn ausdrücklich bittet, und auch dann nur das Nötigste. Bis er eines Tages Erika kennen lernt, Erika, die in das Café kommt und die er – nur Zufall erst, nicht mehr – nach Hause begleitet.

Aber was wissen wir schon über Erika. Dass sie ihren Lebensunterhalt damit bestreitet, Homevideos anderer Leute zu schneiden, immerhin. Dass sie eine Freundin namens Ana hatte, die gestorben ist. Dass sie, schätzen wir sie auf Ende zwanzig, in einer dunklen Wohnung lebt, in einer Welt zwischen Fenster und Computer und Couch. Dass ihre Augenbrauen schön sind und dunkel und scharf geschnitten wie Pfeile. Dass sie schmal ist und schwanger, auch das, hochschwanger sogar.

Also gut, Erika (Valeria Bertucelli) ist schwanger von wem? Hier könnte eine Geschichte anfangen. Aber Axel (Julio Chávez) will das gar nicht erfahren. Der Mann, der ihr das Kind gemacht hat, ist verschwunden, so wie Axel aus seinem früheren Leben verschwunden ist – kommt schon vor im Kino, dass Leute einfach verschwinden aus sich selber. Also kann Axel bei Erika bleiben, auch hier könnte eine Geschichte anfangen, und eine Art Vater ihres Kindes werden. So wie er den Kindern seiner Schwester ein sanfter Nebenvater ist. Aber nichts von dem, was wir Story nennen, fängt an. Und doch ist dieser Film: eine riesige Welt. Drei oder vier Dinge wissen wir von Axel und Erika, mehr werden es nicht. Der Rest ist Sehen. Und Reisen. Zugfahrten, der Blick geht hinaus, und die starre Kamera kann gar nicht anders als: Bewegung abbilden. Taumelblick auf Telefondrähte. Verwischtes Blassbraun namens Erde. Dann wieder kommt sie irgendwo an und verharrt. Schaut in ein Zimmer mit blauer Ölfarbwand, in dem eine Frau einem Mann ein Bett zurechtmacht. Bis sie sich in die schwarze Kadrierung der Tür stellt und ihr langes Haar den Rahmen sachte aufzulösen scheint in einen Traumscherenschnitt. Dazu reden die beiden, wenig; irgendwann Abblende.

Dieser Film ist einer für Leute, die Filme um ihrer selbst willen lieben. Des Lichtes wegen, das sie in unsere Dunkelheit werfen, es darf gern wenig Licht sein. Der exakt eingefassten Bilder wegen, immer wieder eine fast ins Klingen sich verwandelnde Komposition. Der Stimmen wegen, die mitunter ertönen, auf die Wörter kommt es gar nicht so an. Ist es Liebe zwischen Axel und Erika? Oder nur eine dieser von fremder Hand bemessenen Rätselzeiten zwischen Männern und Frauen?

Der Argentinier Santiago Loza ist 34 und „Extraño“ sein erster Film. „Extraño“ heißt fremd, womit ein sehr melancholisches Fremdsein gemeint ist – etwa jenes, das die Helden von „Whisky“ prägt, jenem jüngst im Kino gelaufenen, ebenso entspannt altmeisterlich wirkenden Frühwerk von zwei jungen Männern aus Uruguay, dem Land nebenan. Aus Uruguay auch war Juan Carlos Onetti, Autor sehr durchsichtig scheinender Romane, die schnurstracks in eine ganz und gar vertrackte Welt führen. „Extraño“ nimmt sich die Menschenstille von „Whisky“ und geht bei Onettis kaltem Zauber vorbei.

Letzter Annäherungsversuch. „Extraño“ erzählt, wenn er denn erzählt, vom Blick, dem fremden Blick, den wir Weltenbewohner auf unsere Heimat werfen. Bis er die Augen selber ins Visier nimmt. Erikas Augen, die seitwärts zum Milchglas hinirren, während sie ihr Kind bekommt. Axels Augen, die alles mit selbem Gleichmut hinnehmen, Abweisung und Zärtlichkeit, Erinnerung, Schmerz. Und dreimal sehen wir die Großaufnahme eines Auges, es könnte seines oder deines oder meines sein, und die Pupille darin eine schwarze Sonne: Ihre Strahlen jagt sie hinaus in die Iris, damit sie im nächstbesten Meer vergehen.

In Berlin im Kino fsk (OmU)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben