Kultur : Wer die Codes versteht - Fotografie über Fotografie

Ronald Berg

John Hilliard arbeitete bis Ende der sechziger Jahre als Konzeptkünstler. In gewisser Weise stimmt diese Charakterisierung noch immer, nur dass er sich inzwischen ausschließlich im Medium der Fotografie bewegt. Hilliard macht Fotografie über Fotografie. Er sucht den Anspruch des Fotos als Repräsentation des Realen innerhalb des Mediums selbst zu unterlaufen. Die erste Berliner Solo-Ausstellung des Briten bei Seitz & Partner zeigt anhand von rund einem Dutzend Bildern (4000 bis 20 000 Mark), wie das aussieht.

"SOS - Vineyard-Incident", ein metergroßer Irisprint, bietet die typischen Ingredienzen Hilliards dafür auf: Das Bild besteht aus zwei Fotos. Die Totale zeigt sechs mit Taschenlampen versehene Frauen in einem dämmerigen Weinberg, ohne besondere Tricks fotografiert. Darüber ist in der Bildmitte ein zweites, unscharfes Foto platziert, auf dem die Taschenlampen durch die längere Belichtungszeit auf dem Foto drei weiße Strichen zurücklassen haben. Liest man nun die Leuchtschrift der insgesamt neun Lichter wie einen Morsecode, ergibt sich das SOS-Notsignal. Was ist geschehen? Sind wir einem Verbrechen auf der Spur? Was suchen die Frauen im Weinberg?

Die Geschichte entspinnt sich aus dem, was wir gerade nicht sehen. Wie bei einer Detektivgeschichte sind wir gezwungen, aus den Spuren des Bildes auf etwas zu schließen, was sich außerhalb des vom Foto Aufgezeichneten abgespielt hat - oder sich vielleicht noch ereignen wird. Hilliard baut Sinnfallen auf, wobei er gleichzeitig vorführt, wie begrenzt die Repräsentation des Fotos ist - und wie verführerisch. Da das Foto nur die Ränder des Geschehens scharf präsentiert, "entwickelt" die Fantasie in eigener Regie genau jene unscharfe Zone im Zentrum, welche nur eine völlig abstrakte Oberfläche ist. Der Sinnschlüssel bleibt also im Bildgeschehen selbst unsichtbar. Um so mehr springt die Phantasie in diese Lücke. Für sie hat Hilliard seine Köder ausgelegt.

Was das Medium der Fotografie also zeigt, ist im Grunde sehr begrenzt, eingeschränkt durch den Ausschnitt des Fotos und den Moment der Aufnahme. Insofern hat das Lesen eines Fotos immer mit Fantasie und Kombinationsgabe zu tun, genauso wie bei einem gutgemachten Krimi, der den Zuschauer selbst an der Jagd auf den Mörder beteiligt. Daher rührt Hilliards Vorliebe für Sex & Crime-Stories. Das Genre liefert die stärksten Reize. Das macht sich Hilliard zunutze. Ging es bei "SOS" eher um Crime, so bringt "Plain Cover" die erotische Komponente ins Spiel. Das wandfüllende Bild wird beherrscht von einer zentral positionierten schwarzen Fläche, rings herum zeigt sich das Innere einer Bibliothek oder eines Buchladens. Links der Sichtbarriere, auf einer Leiter steht eine Frau im Mini, rechts liest ein Mann mit einem Buch. Das Regal hinter ihm beherbergt so vielversprechende Titel wie "Männerphantasien". Auch hier die Frage: Was verbirgt jene schwarze Fläche, jenes "plain cover", der neutrale Umschlag, mit dem der Londoner U-Bahnfahrer sexuell anzügliche Titel versieht, um seine pornografische Lektüre zu verbergen? Wer die Hinweise versteht, kann sich ausmalen, welche Szene hinter der ironischen Zensur sichtbar würde.

Um dieses vage Oszillieren zwischen der physischen Gestalt des Bildes und seiner mentalen Umsetzung durch die Fantasie richtig in Szene zu setzen, arbeitet Hilliard wie bei einem Film-Set. Es werden Entwurfszeichnungen gemacht, Kulissen arrangiert und Schauspieler engagiert. Die Szene wird dann ohne alle Tricks fotografiert. Mitunter kombiniert Hilliard allerdings anschließend zwei Aufnahmen zu einem Bild, entweder indem er die eine auf die andere klebt oder - neuerdings - dieses Verfahren per Computer simuliert und die digitalisierte Collage auf Papier ausdruckt. Streng genommen handelt es sich dabei zwar nicht mehr um echte Fotografie, aber das Thema bleibt das gleiche: das Fotografische zwischen Fakt und Fiktion.Galerie Seitz & Partner, Wielandstraße 34, bis 6. Mai; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 11-17 Uhr.

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