Kultur : Wer die Pinguine stört

Ein

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von Rüdiger Schaper

Nicht nur, dass die Polarkappen sich erwärmen. Jetzt scheint sich auch noch zu bestätigen, dass Pinguine schwul sein können. Im Zoo von Bremerhaven bebrüten sie Steine, bilden intime Männergruppen und zeigen willigen Pinguinweibchen, die aus Sorge um den Nachwuchs aus Schweden herbeigeholt wurden, die kalte Schulter. Wozu braucht man Pinguine – Vögel, die nicht fliegen! Frackträger, die bei jedem Empfang an der Tür abgewiesen werden! Was für ein Skandal!

Ach, wer nicht mit Pinguinen fühlt, der hat kein Herz. Nicht für Tiere und auch nicht für Menschen. Und erst recht nicht fürs Kino. Deshalb sitzt Andrej Kurkow dieses Jahr in der Jury der Berlinale. Der Pinguinversteher und Schriftsteller aus der Ukraine hat Romane geschrieben („Picknick auf dem Eis“, „Pinguine frieren nicht“), aus denen man viel lernen kann. Dass Kiew ein mörderisches Pflaster ist. Und dass die orangene Revolution auf dünnem Eis steht. Kurkows Held Viktor verfasst Nachrufe für eine Zeitung, und zwar im Voraus. Kaum hat er die Verdienste eines Politikers oder Managers gewürdigt, sterben diese Leute. Viktor wird zum Werkzeug der Mafia. Er hat nur Mischa, einen Pinguin. Mischa lebt in Viktors Badewanne, er ist sein einziger Halt in einer kaputten Welt. Viktor hat Mischa aus dem bankrotten Zoo gerettet. Aber Mischa ist depressiv. Viktor will seinen traurigen Spaßvogel in die Antarktis zurückbringen. Er riskiert sein Leben für den glitschigen Watschelfreund. Ob Viktor und Mischa Sex miteinander haben, verrät Kurkow nicht. Es geht uns nichts an. Auch Pinguine haben ihre Intimsphäre – und ein Recht auf romantische Geheimnisse.

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