Kultur : Wer die Wahl hat

Existentialismus und Humanismus: Sartre mutet dem Menschen die Freiheit zu. Aber er traut sie ihm auch zu

Angelika Brauer

Da liegt das Kind, bäuchlings ausgestreckt in der Bibliothek des Großvaters, vor sich ein Buch und daneben einen Teller mit Marmeladebrot. „Ich hatte meine Religion gefunden; nichts erschien mir wichtiger als ein Buch; die Bibliothek sah ich als Tempel.“ Sartre schreibt das in seiner Autobiografie „Die Wörter“. Er schildert das „Familientheater“ im Haus Nr. 1 der rue Le Goff. Zu den Figuren gehören seine Mutter, die als junge Witwe mit ihrem Kind wieder bei den Eltern lebt; eine skeptisch-distanzierte Großmutter und Charles Schweitzer, der Großvater.

Er arbeitet als Deutschlehrer und übernimmt die Erziehung seines Enkels selbst. Er ist ein gebildeter Humanist, mit Neigung zu Getue und Eitelkeit, das Verhältnis zum Kind ist ambivalent. Mit plötzlicher Ungeduld bricht Sartre seine Schilderung ab: „Und außerdem hat der Leser begriffen, dass ich meine Kindheit verabscheue, mitsamt all ihren Überresten: mitsamt der Stimme meines Großvaters, dieser Schallplattenstimme, die mich weckt, so dass ich aufspringe und an den Schreibtisch stürze...“

Man versteht, dass da einer im Spiegelkabinett der Erinnerung mit sich selbst abrechnen will. Mit einem Doppelleben, das in dem Augenblick beginnt, in dem ein Kind, „verrückt vor Freude“, dass es lesen kann, eine zweite Welt entdeckt. Es wechselt die Sphären und verwechselt die Welten; es pendelt zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Und dann kann es schreiben, wird zum Namensgeber der Dinge und zum Schöpfer seiner selbst: „Durch Schreiben wurde ich geboren.“ Einen Gott braucht es nicht mehr. Und dabei bleibt es. Auch ein Gott kann überflüssig werden. Eine wichtige Voraussetzung für Sartres Philosophie.

Sie ist von seinem literarischen Werk nicht zu trennen. Aus philosophischer Sicht ist sein erster Roman „Der Ekel“ wohl sein dunkelstes Buch. Der Held, Antoine Roquentin, ist irritiert von einem Gefühl des Ekels beim Umgang mit Menschen und Dingen; es kommt und geht und nimmt ihm den Halt. Er will dieses Gefühl ergründen, und er erreicht sein Ziel. Berühmte Szene: Er sitzt im Park und sein Blick fällt auf die schwarzknotige Wurzel eines Kastanienbaums: „Dieser Moment war ungeheuerlich... ich verstand den Ekel...Die Existenz hatte sich plötzlich enthüllt. Sie hatte ihre Harmlosigkeit einer abstrakten Kategorie verloren: Sie war der eigentliche Teig der Dinge, diese Wurzel war in Existenz eingeknetet.“ Und weil Roquentin Sartres alter ego ist, kann er diese Entdeckung auch philosophisch formulieren: „Das Wesentliche war die Kontingenz“; die Zufälligkeit, heißt das. „Ich will sagen, dass die Existenz ihrer Definition nach nicht die Notwendigkeit ist. Existieren ist dasein, ganz einfach; wir waren ein Häufchen Existierender..., wir hatten nicht den geringsten Grund da zu sein ..., jeder Existierende...fühlte sich in bezug auf die anderen zuviel.“ Aber nicht jeder fühlt das und denkt, was er fühlt, und kann das Gedachte in Worte fassen. Sartre ist der „Chronist der Hölle“, aber er will bei diesem Befund nicht stehen bleiben: „Kontingenz und Freiheit, das sind zwei Gedanken, die sich in meinem ganzen Leben finden.“ Die Kontingenz ist der Ausgangspunkt für ein Leben, das mit der Freiheit beginnt.

1943 erscheint sein philosophisches Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“. Hier zeigt sich, dass man das Negative nicht durchstreichen muss, um es ins Positive zu wenden. Roquentin starrt noch mit Wut auf dieses „dicke, absurde Sein“ : „Man konnte sich nicht einmal fragen, wo das alles herauskam, das alles, noch wie es kam, dass eine Welt existierte als vielmehr nichts...um sich das Nichts vorzustellen, musste man schon dasein, mitten in der Welt.“ In „Das Sein und das Nichts“ wendet Sartre das Blatt. Denn das ist doch immerhin etwas: dass das Nichts vorstellbar wird, und zwar durch den Menschen. Erst durch den Menschen kommt das Nichts in die Welt. Nur er kann das, was ohne ihn nur da ist, erkennen, anerkennen oder verneinen. Mit dieser Kraft zum Nein eröffnet sich aus Sartres Sicht ein Horizont der Möglichkeiten des Menschen. Es ist zwar beleidigend, kontingent zu sein, aber die Entdeckung seiner Freiheit gibt ihm Würde.

Und nimmt ihm jeden Halt. Denn die existenzielle Freiheit von Sartre ist nicht die Freiheit, die wir meinen und haben wollen: als einen möglichst großen Spielraum der Nichteinmischung, in dem jeder tun und lassen kann, was er will. Sie ist die Zumutung, das Leben in die eigene Hand zu nehmen, um es ins Nichts der Möglichkeiten hinein zu entwerfen. Ruhelos geschieht das, haltlos, unentwegt. Sartre sagt es paradox: dass der Mensch ist, was er nicht ist, und nicht ist, was er ist. Er macht sich, soll das heißen, indem er sich sucht. Also erkundet er seine Möglichkeiten, wählt, entscheidet, verwirft, fängt neu an. Er kann alles Mögliche wählen; nur zu dieser ruhelosen Freiheit ist er „verurteilt“. Denn diese Freiheit ist er selbst. Ununterscheidbar schiebt Sartre Freisein und Menschsein ineinander.

Bis ihn diese absolute Freiheit selbst erschreckt. Und er, wie ein Kind, das die Sphären verwechselt hat, vom Traum zur Wirklichkeit findet: „Plötzlich begriff ich, dass ich ein gesellschaftliches Wesen war. Bis dahin hatte ich mich für souverän gehalten, und ich hatte die Verneinung meiner eigenen Freiheit durch die Mobilmachung erleben müssen, um mir des Gewichts der Welt und der Bande zwischen mir und den anderen bewusst zu werden.“

In seiner Neufassung einer konkreten Freiheit wird aus dem großen asozialen Schwung des Selbstentwurfs eine „kleine Bewegung, die aus einem völlig gesellschaftlich bedingten Wesen einen Menschen macht, der nicht in allem das darstellt, was aus seinem Bedingtsein herrührt.“ Das klingt zwar bescheiden, aber der Philosoph der Freiheit steckt nicht zurück. Er hält weiter an dem Anspruch fest, dass jeder sein Leben selbst in die Hand nehmen soll, um es selbstverantwortlich zu gestalten, jetzt aber auf dem Boden der Tatsachen, mit Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse und unter dem Druck des „Gewichts der Welt“ . „So bin ich für mich selbst verantwortlich, und ich schaffe ein bestimmtes Bild vom Menschen, den ich wähle; mich wählend, wähle ich alle Menschen.“

So zeigt sich Sartres Existentialismus als Humanismus. Und erinnert an Kant, der mit gewagtem Optimismus noch davon ausgehen konnte, dass jeder Mensch auch die richtige Allgemeinheit verwirklicht. Es ist zwar schön, dass sich nun, als Kehrseite seiner Zumutungsfreiheit, auch Sartres Zutrauen auf den Menschen zeigt. Aber wie will er das begründen? Er löst das Wesen des Menschen auf in den Elan der Lebensbewegung des Einzelnen und argumentiert doch so, als ob es diesen allgemeinen Kern noch gäbe. „Denn wir können niemals das Schlechte wählen; was wir wählen, ist immer das Gute, und nichts kann für uns gut sein, ohne es für alle zu sein.“

Wenn es doch nur so wäre.

Aber es gibt Widersprüche, die sich nicht auflösen lassen. So bleibt es auch dabei, dass die Menschen für Sartre „unmögliche Nullitäten“ sind: nutzlos, überflüssig, zuviel. Aber wenn sie nun schon einmal da sind, dann ist er so frei, sich für eine moralische Natur des Menschen zu entscheiden.

Sartre kam in Paris am

21. Juni 1905 zur Welt. Tod des Vaters im Jahr darauf, Umzug nach Meudon. 1917 heiratet seine Mutter erneut, die Familie zieht nach La Rochelle. Von 1924 bis 1929 studiert Sartre Philosophie, Psychologíe und Soziologie

an der Ecole Normale Supérieure, wo er

Raymond Aron, Paul

Nizan und Simone de Beauvoir begegnet. 1929 bis 1931 Militärdienst in Tours. Danach bis 1939 Philosophielehrer an Gymnasien. Kurz nach der NS- M achtergreifung wird er Stipendiat am Institut Français in Berlin. 1936 philosophisches Debüt mit „L’imagination“. 1939 Kriegsdienst, 1940 Gefangenschaft, Flucht und Bildung einer Widerstandsgruppe mit Merleau-Ponty. 1943 erscheint das philosophische Hauptwerk Das Sein und das Nichts . 1945 Chefredakteur der Zeitschrift „Les temps modernes“. 1948 setzt der Vatikan Sartres Bücher auf den Index. Reisen in die Sowjetunion und nach China. 1956 engagiert er sich gegen den Algerienkrieg und den Sowjet-Einmarsch in Ungarn. 1964 nimmt er den Nobelpreis nicht an. Später unterstützt er die 68er-Bewegung und besucht 1974

Andreas Baader in Stammheim. Sartre,

gestorben am 15. April 1980, ist auf dem Friedhof Montparnasse in

Paris beerdigt.

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