Kultur : Wer ein Land besetzt

Großbritannien, Irland und der Irak: der Regisseur über die Spirale der Gewalt und die Lehren der Geschichte

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Mister Loach, was hat Sie ausgerechnet jetzt an einem Film über den irischen Bürgerkrieg in den zwanziger Jahren gereizt?

Irland ist Großbritanniens älteste Kolonie, und die Briten haben ihren Anteil an den Problemen in Irland nie zugegeben. Der Mythos besagt, dass die britische Armee aus Selbstlosigkeit nach Nordirland gegangen ist, um die Iren davon abzuhalten, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Aber die Wahrheit ist: Großbritannien hat Irland über Jahrhunderte ausgebeutet. Das ist ein klassisches Beispiel dafür, wie die Folgen einer imperialistischen Politik bis in die Gegenwart hineinwirken. Die Briten haben Irland 800 Jahre lang zerstört und durch die Teilung des Landes einen Bürgerkriegskonflikt in Gang gesetzt, der bis heute anhält.

Aber dieser Konflikt scheint seit dem Karfreitagsabkommenvon 1998 und durch die Integration Irlands in die Europäische Union fast überwunden zu sein.

Was immer das für ein Abkommen ist, es ändert nichts an dem Hauptproblem: Irland bleibt geteilt, und Großbritannien hält immer noch ein Viertel des Landes besetzt. Aber wenigstens haben die Briten aufgehört, die Unionisten zu unterstützen. Denn mittlerweile haben sie vor denen mehr Angst als vor der IRA. Wenn die Unionisten nicht wären, würde die Grenze wahrscheinlich sofort fallen.

Heute stehen britische Truppen als Besatzungsarmee im Irak. Was hätte Tony Blair aus der Geschichte lernen können?

Dass Besatzungsarmeen sich zunehmend brutalisieren, rassistische Einstellungen entwickeln und einen endlosen Gewaltkreislauf in Gang setzen. Wenn die Zivilbevölkerung die Besatzer nicht akzeptiert, wird jeder Gewaltakt zu schlimmerer Gewalt führen. Aus der Geschichte kann man auch lernen, dass man eine politische Lösung finden muss. Wenn man eine ungerechte Lösung – wie im Fall Irlands die Teilung des Landes – erzwingt, fällt das immer wieder auf einen selbst zurück. Bush und Blair denken jetzt nur daran, wie sie sich aus dem Irak zurückziehen können, ohne sich zu blamieren. Aber die Konsequenzen ihres Handelns werden noch über Generationen nachwirken.

In „Land and Freedom“ haben Sie am Beispiel des Spanischen Bürgerkriegs schon einmal das Scheitern einer Revolution geschildert.

Ich glaube, diese Zeit war der zentrale Augenblick des 20. Jahrhunderts. Hier liegt der Grund, warum wir uns heute mit Leuten wie Tony Blair herumschlagen müssen. In Deutschland, in Spanien, in Irland und in vielen anderen Ländern war damals die Zeit reif für eine grundlegende soziale Umwälzung der Gesellschaft. Warum ist dieser historische Impuls damals in die falsche Richtung gegangen? Im Falle Irlands war die britische Regierung sehr clever und wusste die Interessen der Iren gegeneinander auszuspielen. Auf der anderen Seite war die irische Führung nicht prinzipientreu genug und von Pragmatikern bestimmt, die in einer allzu kurzen Zeitspanne dachten.

Diesen Konflikt zwischen Prinzipientreue und Pragmatismus setzen Sie als klassischen Bruderzwist in Szene.

Die Tragödie liegt gerade darin, dass beide Brüder das tun, von dem sie denken, es sei das Beste für das Land. Das Ergebnis ist eine massive politische Niederlage – und der Brudermord. Aber ich glaube, ich sollte jetzt keine weiteren Bürgerkriegsfilme mehr machen ...

... da wäre noch die russische Revolution ...

(lacht) ... das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Sie arbeiten seit Ende der sechziger Jahre als politischer Filmemacher. Wenn man aus der Perspektive der Linken auf die Geschichte schaut, hat sich die Lage für die „working class“ nicht nur in Großbritannien stetig verschlechtert.

Das ist frustrierend, aber so ist der Lauf der Geschichte. In Großbritannien kam der große Einschnitt mit Maggie Thatcher. Sie hat die Gewerkschaftsbewegung in den Achtzigern niedergeschlagen. Seitdem gibt es keine organisierte Gruppe mehr, die die Interessen der Arbeiter vertritt. Heute gibt es nur noch zwei konservative Parteien, die sich kaum voneinander unterscheiden. Und Maggie Thatcher wurde zum Vorbild für ganz Europa – für den Sozialabbau, die Entmachtung der Gewerkschaften und die Stärkung der multinationalen Konzerne.

Haben Sie deshalb je daran gedacht, als Politfilmemacher aufzuhören?

Nein. Erstens finde ich diesen Kampf unendlich faszinierend, weil sich immer wieder auf jeder Seite etwas verändert. Zum anderen geht es mir beim Filmemachen ja nicht nur um Politik. Mir geht es um die Menschen und darum, wie sie ihr Zusammenleben gestalten.

Wie schätzen Sie Ihren Einfluss auf das britische Kino ein? Ist dessen anhaltende Vorliebe für sozialen Realismus auch auf Ihre Wirkungskraft zurückzuführen?

Das liegt wahrscheinlich eher daran, dass es stets eine britische Kultur gab, die sich für das Drama im Alltäglichen interessierte. Man kann das schon bei Shakespeare sehen: Da gibt es immer wieder Figuren wie etwa den Totengräber in „Hamlet“, die sich an den Erfahrungen der einfachen Leute orientieren. Der soziale Realismus im britischen Kino gründet eher auf Shakespeare als auf mir.

Das Gespräch führte Martin Schwickert.

Ken Loach , Jg. 1936, ist einer der Pioniere des sozial engagierten britischen Kinos.

Er drehte unter anderem „Riff Raff“, „Raining Stones“, „Land and Freedom“ und

„Mein Name ist Joe“.

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