• Wer es mit dieser Kunst ernst nimmt, kommt an ihm kaum vorbei. Ein Berliner "Gewissen" und seine Aufnahmen

Kultur : Wer es mit dieser Kunst ernst nimmt, kommt an ihm kaum vorbei. Ein Berliner "Gewissen" und seine Aufnahmen

Volker Straebel

Der Mann steht für mehr als gute Konzerte mit zeitgenössischer Flöten-Musik: für eine vom Verschwinden bedrohte Kultur des Umgangs mit Kunst überhaupt. Eberhard Blum, der am Montag seinen sechzigsten Geburtstag begeht, hält im Musikleben seiner Wahlheimat Berlin eine unangefochtene, nicht immer beliebte Position. Er ist das Gewissen der Neuen Musik, oft genug das schlechte. Dabei kann er es sich leisten, an seinen hohen Maßstäben selbst gemessen zu werden. Blum überlässt in der Kunst nichts dem Zufall oder der plötzlichen Eingebung. Ehe er seine Flöte zur Hand nimmt, hat er sich über die musikgeschichtlichen Hintergründe des Stückes informiert. Das ist keine buchhalterische Pedanterie, sondern eine in der hermeneutischen Situation der Musikaufführung begründete Notwendigkeit. Besonders für solche Werke der neuen Musik, die dem Instrumentalisten ungeahnte Freiheiten einräumen, ist diese Disziplin unabdingbar. Wer leichtfertig annimmt, in den Werken der europäischen Avantgarde oder den indeterminierten Stücken John Cages sei alles möglich, urteilt naiv. Diese Musik hat in den letzten 40 Jahren eine differenzierte Aufführungstradition ausgebildet, und Blum zählt es zu seinen Aufgaben, diese in Aufsätzen oder Probenarbeit mit jungen Musikern weiterzugeben.

Schließlich hat er seine Kenntnisse oft aus erster Hand. Seit den 70er Jahren arbeitete Blum intensiv mit Morton Feldman und John Cage zusammen; die Liste von Komponisten, die Werke für Blum schrieben, liest sich wie ein Who Is Who der jüngeren Musik. Er ist nicht allein als international gefragter Solist und Sprachperformer tätig, auch als Kurator ausgefeilter Konzertprogramme und seit den 80er Jahren als Bildender Künstler. Dennoch verzettelt er sich nie in leerer Geschäftigkeit, wie jüngere Kollegen. Seine Künstlerpersönlichkeit steht als fester Pol in der rasch wechselnden Landschaft der Neuen Musik. Wer es ernst mit dieser Kunst meint, kommt an ihm kaum vorbei.Zahllose CDs vor allem mit Werken von John Cage und Morton Feldman erschienen bei ART, zuletzt Ersteinspielungen graphischer Musik von Roman Haubenstock-Ramati; Kataloge im Eigenverlag über Gelbe Musik Berlin.

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