Kultur : Wer frisst wen?

Juliane von Mittelstädt

Es ist eine Parodie auf die Kunst und eine Provinzposse par excellence. Veranstalter: die Universität der Künste (UdK). Eigentlich sollte es ein Abend mit Musik, Tanz, Film, Theater und Essen sein. Ein Zusammentreffen der Kulturen, die eines gemeinsam haben: die portugiesische Sprache. Die einzige Sprache der Welt, die eine Brücke schlägt zwischen Afrika, Südamerika und Europa.

Eigentlich. Die interessante Konzeption versinkt in Peinlichkeit. Der Beginn des Konzertes von João de Bruço verschiebt sich wegen Soundchecks um zwei Stunden. Man verharrt also im zugigen Foyer. Der Caipirinha-Schwenker findet den Zucker nicht. Also kein Caipirinha. Es geht los. João de Bruço sitzt im Kabelsalat am Boden und gluckst, gackert, rülpst und pfeift. Wozu der Soundcheck? Dabei zuckt und trommelt er in Krabbelgruppenmanier auf selbstgebaute Cylofone, Zinkwannen und Akustikschremmen. Er hört sich an wie ein erstickter Luftballon. Stromschläge? Sicherung durchgebrannt? Das Publikum guckt verunsichert. Würde Bruço nicht in der UdK seine sogenannten Klänge von sich geben, er würde wohl zwangseingewiesen werden.

Es herrscht gehobene Friedhofsstimmung, der Applaus wird durch Universitäts-Offizielle bestritten. Es gilt das Gesicht zu wahren. Dann wieder raus, Essen und Musik im Foyer. Dann eine unsäglich lange Pause, dann der Dokumentarfilm "Wer frisst wen?". Noch eine unsäglich lange Pause. Man hinkt dem Programm mittlerweile drei Stunden hinterher. Dann ist das erste "große Palaver" dran. Ein zweites soll noch folgen. Wann? Eine Podiumsdiskussion zum Film mit Gästen aus den portugiesisch-sprachigen Ländern. Soweit das Programm. Es wird ein sprachwissenschaftlicher Trialog um kurz vor Mitternacht. Die südländische Gelassenheit erstickt im Würgegriff teutonisch-gründlicher Konzeptlosigkeit. Stephan Stroux, sogenannter künstlerischer Leiter, stellt monoton und peinlich die Gäste vor. Warum dürfen sie das nicht selbst? Stroux zerredet alles. Rufe aus dem Publikum ignoriert er. Guckt beleidigt. Selbstdarstellung geht vor Diskussion.

Kultursenatorin Adrienne Goehler gehört auch zur Kulisse der Podiumsdiskussion. Ihre Fußspitze kreist gleichmäßig um die herabbröckelnden Worte von Stroux. Der Blick folgt der Schuhspitze. Sie zündet sich eine Zigarette an. Ihre Ohrringe sind Käfige mit aus mexikanischen Thunfischdosen hergestellten Vögelm darin. Wie Vögel im Käfig fühlen sich die unbeachteten Podiumsgäste vermutlich auch. Wer frisst hier wen? Langeweile frisst Publikum.

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