Kultur : Wer gegen den Strom schwimmt WETTBEWERB

„A Long and Happy Life“ von Boris Khlebnikow.

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Junge russische Filme spielen vorzugsweise an tendenziell unbewohnbaren Orten. Und weil die Zeit dort sehr langsam oder gar nicht vergeht, sind sie auch nicht viel schneller. Rückschlüsse auf die Ereignisdichte liegen nahe. Was könnte aufregender sein? „Dolgaja schastlivaja Schisn“ („A Long and Happy Life“) von Boris Khlebnikow, gedreht auf der nordrussischen Kola-Halbinsel, ist so ein Film. Schon beim ersten Blick auf den Fluss ist klar, dass man in diesem Gewässer nicht baden kann. Zu kalt. Zu schnell. Der Fluss ist wichtig, auch fürs Schlussbild. Seit Wong Kar Wais Eröffnungsfilm neigt diese Berlinale zu östlichen Primärweisheiten. Hier lautet sie: Du kannst nicht gegen den Strom schwimmen!

Der berühmteste Film dieser Aussage – und zugleich ihrer Widerlegung – ist „High Noon“, und seltsam, dass man irgendwann beim Zuschauen an Gary Cooper denken muss und nachher liest, dass Khlebnikov („Koktebel“) in der Tat eine Variation auf „High Noon“ drehen wollte. Sascha, ein junger Anzugträger aus der Stadt, übernimmt eine stillgelegte postsowjetische Kolchose. Vielleicht mit der unspezifischen Erwartung, dass es mehr auf der Welt geben müsse als Monitore und Gewinnprognosen. Und in der Tat, die gerettete Kolchose läuft.

Wie von einer „High Noon“-Adaption nicht anders zu erwarten war, ist dies kein redseliger Film. Man muss das meiste in den Gesichtern lesen. So auch die Antwort auf die Frage, warum Sascha so schnell nachgibt, als die Bezirksregierung Anspruch auf seine Farm erhebt. Alexander Jatschenko ist nicht Gary Cooper; statt scharfer Linien und der Dauermiene von Entschlossenheit liegen eher Offenheit und der Wagemut der Jugend in seinen Zügen. Seinen Arbeitern teilt er mit, dass die letzte Ernte bevorsteht und die Entschädigung für alle da ist. Aber keiner geht darauf ein. Nein! Das ist ihre Kolchose. Sie bleiben. Natürlich lässt Khlebnikow, dieser junge Minimalist des russischen Kinos, diesen entscheidenden Punkt stillstmöglich. Es ist das unvermutete Erlebnis von Gemeinschaft, von Nichtalleinsein, das einen Menschen aus den Angeln heben kann. Saschas Arbeiter waren längst schon viel mehr als seine Arbeiter, er hatte es nur nicht gemerkt.

Khlebnikow legt diese Erfahrung in alles Folgende: in die Bestimmtheit, mit der sein Nicht-Gary-Cooper sich weigert, die Kolchose zu verkaufen. In den Furor, mit dem er beginnt, den Hühnerstall der Zukunft zu zimmern. Doch bald regen sich in der Familie Zweifel, Misstrauen in die eigene Begeisterung, in die eigene Kraft. Und östliche Weisheit natürlich: Man kann nicht gegen den Strom schwimmen. Eine ganz normale Autofahrt wird nur durch die Art, wie sie fotografiert ist, zum „High Noon“-Showdown.

„Dolgaja schastliwaja Schisn“ ist eine Parabel auf unsere Doppelnatur, die immerfort vom Ich zum Wir und wieder zurück geht, und als solche ist sie tiefer als die ganze „High Noon“-Parabel. Ein Mann verteidigt seinen größten Augenblick des Glücks, den außer ihm keiner empfunden hat, ohne Rücksicht auf Fremd- und Selbstverluste. Kerstin Decker

10.2., 9.30 Uhr (Friedrichstadt-Palast), 10.2., 10 Uhr (HdBF), 14.2., 18 Uhr (Cubix 8), 17.2., 22.30 Uhr (International)

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