Kultur : Wer hat an der Uhr gedreht? Das Künstlerduo M+M im Fotografie-Museum

Ulrich Clewing

Vor einigen Jahren erregte der Fall „Mehmet“ bundesweit Aufsehen. Ein vernachlässigter 14-Jähriger, geboren in München-Neuperlach, der prügelte, raubte und überfiel, der bei den Mädchen beliebt war und schließlich in die Türkei abgeschoben wurde, von wo aus er sich mit der Einschätzung vernehmen ließ, auf Dauer gefalle ihm Deutschland doch irgendwie besser. Nun hat das Münchner Künstlerduo M + M , Marc Weiss (Jahrgang 1965) und Martin de Mattia (Jahrgang 1963), die damals heftig umstrittene Ausweisung „Mehmets“ zum Ausgangspunkt für eine vierteilige Videoinstallation genommen, in der Realität und Fiktion sich kunstvoll mischen.

Unterlegt mit einem Text des Schriftstellers Andreas Neumeister, wechseln sich in Dance with me, Germany Stilmittel des Dokumentarfilms mit traumartigen Spielszenen ab und ergeben ein surreales Tableau von Selbstbehauptung und Einschüchterung, Drohgebärden, Isolation, von Gewalt und Gegengewalt. Als der 13-minütige Film im letzten Frühjahr in München vorgestellt wurde, löste er einen kleinen Skandal aus. Nun ist er, als zweiter Teil einer M+M-Präsentation, im Museum für Fotografie zu sehen, das sich mangels konservatorisch geeigneter Präsentationsräume zunächst auf der Fotografie verwandte Bereiche wie Skulptur oder Videokunst verlegt hat.

Doch eigentlich geht es bei dieser in ihrem Urteil zurückhaltenden Arbeit um das älteste Thema von Film und Fotografie überhaupt: Zeit und ihre Montage. „Dance with me, Germany“ wirkt nicht nur, als sei der Film aus unzähligen Einzelbildern zusammengesetzt. Er läuft – wie schon die zuvor gezeigte Arbeit „Johanna-Zyklus“ – auch auf vier Leinwänden jeweils um den Bruchteil einer Sekunde versetzt, so dass die Handlung wie eine neue Maßeinheit von lauter irrlichternden Momentaufnahmen erscheint. M+M sind die Mechaniker der Zeit – sie haben die Maschine einmal grundlegend umgebaut.

M+M: On Film. Teil 2: Dance with me, Germany. Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, Di-So 10-18 Uhr, Do bis 22 Uhr, bis 30. Januar.

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