Kultur : Wer hat Angst vor Lachsrosa

Der Künstler-DJ Gerwald Rockenschaub liebt die Strenge und erhält den Fred-Thieler-Preis

Jens Hinrichsen

Eigentlich könnte er jetzt auf gut Österreichisch losgranteln. Die Brandschutzbestimmungen haben sein Vorhaben durchkreuzt, einen lachsrosa Riesenvorhang in der Berlinischen Galerie aufzuhängen. Gerwald Rockenschaub bleibt aber gelassen. So zugeknöpft wie sein schwarzes Sakko bemerkt er nur: „Machen Sie einem Behördenheini mal klar, dass so was Kunst ist.“

Besser nicht. Rockenschaub fügt sich ins offenbar Unvermeidliche, obwohl die von Emilio Vedova bemalten Spanplatten im Nebenraum auch nicht gerade feuerfest sind. Und griff zu einem Vorhang aus anderem, hellgrau-transparentem Material. Rockenschaub findet das sogar gut: dass Umstände, die sich nicht aus der Kunst selbst ableiten, seine Arbeit mitprägen. Als ersten „Spielzug“ begreife er die behördliche Anordnung, „dann bin ich dran“.

Die Rockenschaub-Methode, seine Kunst gegenüber äußeren Bedingungen, dem „gesellschaftlichen Spielfeld“ offen zu halten, hat ihm nun den gestern abend verliehenen „Fred-Thieler-Preis für Malerei“ eingebracht. Ganz undogmatisch hat die Jury diesmal für die Raum- Kunst eines Grenzgängers votiert und trägt damit einem Kunstbegriff Rechnung, der es mit den künstlerischen Gattungen nicht so eng sieht. Die Entscheidung entspricht dem Geist des Stifters Fred Thieler, 1999 verstorbener Protagonist der deutschen Nachkriegsmalerei. Der hätte den 54-Jährigen Preisträger in der Ahnenreihe der Documenta-Teilnehmer begrüßt, denn der gebürtige Linzer mit Wohnsitz in Berlin spielt beim größten Kunst-Event dieses Jahres mit, wie kürzlich durchgesickert ist.

Euphorie? Lampenfieber? Rockenschaub blickt geradeaus durch die dickrandige Brille und sagt trocken: „Jetzt muss ich mir halt wieder neue Gedanken machen. Ich sehe das ganz unspektakulär: die professionelle Leistung ist wichtig.“

Um seine Künstlerkarriere hat sich Rockenschaub nie besonders den Kopf zerbrochen. Vielleicht ist eben dies das Geheimnis seines Erfolges. Die Wiener Akademie verlässt er ohne Kunst-Diplom („Da hat man nichts davon!“), seine kleinformatig-zeichenhaften Ölbilder sind in den frühen Achtzigern trotzdem sehr gefragt. 1987, auf dem Höhepunkt seines Ruhms als „Neo-Geo“-Maler legt er den Pinsel beiseite, wendet sich industriellen Materialien wie Teppichböden, Plexiglasplatten oder PVC-Vorhängen zu, experimentiert mit Aufblaskissen und öffnet seine Arbeiten zunehmend dem Raum. Auf der Venedig-Biennale 1993 lässt er ein begehbares Gerüst in den österreichischen Pavillon bauen. Punkrock und New Wave, später Techno-Musik und eigene Auftritte als Discjockey wirken immer wieder als Katalysator, ohne in seinen strengen Raumkonzepten unmittelbar Spuren zu hinterlassen – sieht man von seinen Plattenteller- und Mischpult-Piktogrammen der späten Neunziger ab. „Ich hätte auch im Musikbusiness landen können“, bekennt Rockenschaub heute.

Wer den Künstler kennt, mag in seiner Installation in der Berlinischen Galerie eine Art Clublounge ohne Sitzgelegenheiten erkennen. Die Malerei beschränkt sich auf einen großflächigen Wandanstrich in ambivalentem Purpur: „Das hat was Aggressives, aber vom Blauanteil her auch eine gewisse Ruhe“, sagt Rockenschaub. Wie ein sanftes Echo wird die dominante Farbe als Rosé-Ton von der gegenüberliegenden weißen Wand und der Bodenfläche zurückgeworfen. Und wird noch einmal – sehr malerisch – vom Vorhang gedämpft, der im rechten Winkel auf die Purpurwand stößt und den hallenartigen Raum mit großzügigem Faltenwurf in zwei Hälften teilt. Die nebulöse hintere Hälfte, mit Tür und grüner Notausgang-Leuchte, wirkt wie eine Hinterbühne, das ganze Environment wie ein Aktionsrahmen, der sich mit Handelnden füllen soll – also Betrachtern, die selbst zum Schauobjekt werden und zudem das virtuelle Spielwerk der Arbeit in Gang setzen. Rockenschaub passt die wenigen Raumzutaten so in den Ort ein, dass sich ästhetische Paradoxien einstellen. Hier ticken die Uhren anders. So wird die Kunst zum Rahmen, der „White Cube“ zum Objekt. Wie ein extra gefertigtes Fresko begrenzt ein Band von Belüftungsgittern die Wandbemalung nach unten. Der Estrich scheint wie gemacht für den Purpurschimmer, der sich in der glatt polierten Bodenfläche spiegelt.

„Ich arbeite mit minimalen Elementen“, sagt Rockenschaub, will aber nicht von „Minimalismus“ sprechen. Rein formal greift er immer wieder auf das klassisch-moderne Formenvokabular Malewitschs oder das Hard-Edge-Painting eines Barnett Newman zurück, dessen Klassiker „Who’s afraid of Red, Yellow and Blue?“ ihn im Chicagoer Museum einst so fesselte. „So was Tolles möchte ich auch machen“, habe er sich damals geschworen. „Aber natürlich nicht dasselbe.“

Überhaupt liebt Rockenschaub, bei aller Präzision in der Ausführung, das Unvorhergesehene, das dem Werk neue Perspektiven gibt. Das Brandschutzproblem ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie der Künstler Widerstände produktiv macht. Der lachsrote Vorhang glänzt dann übrigens am vergangenen Wochenende auf der Frankfurter Kunstmesse.

Und was wird auf der Documenta passieren? Gerwald Rockenschaub hüllt sich in Schweigen. Ein Spiel, ein Brauch.

Gerwald Rockenschaub, Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, Ausstellung bis 20. 8, tgl. außer Di 10-18 Uhr.

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