Kultur : Wer hat Anspruch auf den Holocaust?

THOMAS LACKMANN

Die Empfindungslosigkeit kommt dreimal zur Sprache in dieser Geschichte aus dem Paris des Jahres 1942.Beim ersten Mal wird die Titelfigur, Monsieur Klein, mit einem alten Gobelin konfrontiert; das kalte Blau, erklärt der Auktionator die Ornamente des Kunstwerks, versinnbildliche darauf die Gleichgültigkeit, die Reue aber verkörpere jener Geier, der pfeildurchbohrt weiterfliegt.Ein andermal besucht Klein, der als Kunsthändler von den Notverkäufen Verfolgter profitiert und nun durch eine seltsame Verwechslung selbst unter Druck gerät, seinen Vater, zwecks Ahnenforschung; den Alten empört die Frage nach einer möglichen Blutsverwandtschaft zwischen den katholisch-französischen Kleins und den holländischen Kleins ("eine ganz andere Rasse"), gleichzeitig beschreibt er das Laster der Gleichgültigkeit - die sei "wie eine Made, die auf einer faulenden Wunde spazierengeht".Das Geschäft Robert Kleins wird, zu einem Spottpreis, von einem "Freund" gekauft; er selbst will, verbittert, mit falschem Paß Frankreich verlassen: "Wir sind zu zivilisiert, zu höflich, zu gleichgültig."

Wie weit ist der Weg vom Zuschauer zum Opfer? Um den anderen Robert Klein, den unbekannten, offenbar untergetauchten, sein Alter ego, den RésistanceKämpfer doch noch aufzuspüren, kehrt K.auf der Flucht wieder um.Die Obsession "Wer bin ich - der andere?" verändert ihn, den Indifferenten.Als er sein Double in der Deportations-Sammelstelle von fern zu erkennen meint, läßt er den rettenden Boten, der am Zaun mit seinem Ariernachweis winkt, warten; jetzt muß er "es" wissen.Er trennt sein Schicksal nicht mehr von dem des "Anderen", wird mit der Masse durch den Tunnel getrieben, vor Schäferhunde und SS-Posten - in den Viehwaggon.Joseph Loseys Film "Monsieur Klein" von 1976, bis heute einer der besten zum Thema, verknüpft in der Titelfigur die Schicksale realer Einzelpersonen.Die wahre Geschichte der Edith Stein, die morgen in Rom heiliggesprochen wird, unterscheidet sich von Loseys Parabel in mancher Hinsicht; dennoch lesen sich Aspekte ihrer Vita wie eine spirituelle Version jener Leinwand-Tragödie.

Die Abstammung Edith Steins, 1891 als elftes Kind einer Breslauer Jüdin geboren, ist allerdings unstrittig.Dem strengen Glauben der Mutter entfremdet sie sich bald.Ihre Intellektualität zeigt sich früh.Sie beherrscht zwar alle Modetänze, vor allem aber will sie die Indifferenz überwinden: den Dingen auf den Grund gehen.Fasziniert von der Phänomenologie Edmund Husserls, den - im Kontrast zum Subjektivismus der Kant-Epigonen - die Wirklichkeit interessiert, wird sie Assistentin des Philosophen.In dem vom Judentum zum Katholizismus konvertierten Max Scheler begegnet sie einem Phänomenologen, der den Personenkern, das Ganze, die Wahrheit sucht.Ihre Wahrheit findet sie durch die Lektüre der Mystikerin Teresa von Avila.1922 läßt sie sich taufen, 1933 wird sie im Kölner Karmel Novizin des einzigen in Israel gegründeten, strengen Büßerordens.In der christlich-biblischen Tradition entdeckt sie den Glauben der Mutter, die sich jedoch bis zu ihrem Tod, 1936, fragen wird, warum die Jüngste sie "verlassen" hat.Bereits 1933 hat die spätere Teresia Benedicta a Cruce (ihr Ordensname) Pius XI.brieflich auf Deutschlands rassistische Entwicklung hingewiesen.Sie hätte als Dozentin nach Argentinien, als Ordensfrau nach Israel oder aus ihrer Zuflucht seit 1938, dem Karmel im holländischen Echt, in ein Schweizer Kloster gehen können: ohne Rosa, ihre Schwester, lehnt sie ab.Als am 6.August 1942, nach langem Papierkrieg Schweizer und vatikanischer Instanzen, Dokumente für beide in Echt eintreffen, befinden sich die Frauen schon im Lager Westerbork.Am 2.August hat die SS im Rahmen einer Racheaktion für ein Hirtenwort der holländischen Bischöfe Edith und Rosa aus dem Kloster geholt.Am 7.August verläßt ihr Transport Westerbork, am 9.August erreicht er Auschwitz.

"Komm, wir gehen für unser Volk", hat Edith Stein bei der Verhaftung gesagt: In diesem Vermächtnis einer Frau, die den Antisemitismus als Angiff auf die "Menschheit Jesu" begriff, die sich als Jüdin und als Christusnachfolgerin auf dem stellvertretenden Opfergang definierte, ist ihre Lösung der "Wer bin ich"-Frage zusammengefaßt - das Programm einer (wie man heute sagt) doppelten Identität, mit der sich Verwalter der Geschichte freilich mitunter schwertun.Die katholische Kanonisierung der Schlesierin kam voran, als 1968 Bischof Karol Wojtila, ebenfalls inspiriert von Max Scheler, einen Studienfreund der Philosophin zum Vortrag über ihr Werk nach Krakau einlud.1987 hat Wojtila, als Papst, die Ermordete in Köln seliggesprochen, das heißt einzelnen Ortskirchen ihre Verehrung gestattet.Jüdische Organisationen reagierten damals negativ: Die Jüdin sei doch nicht als Katholikin vergast worden.Im selben Jahr war der seit 1984 schwelende Konflikt um ein Kloster auf dem Gelände des Vernichtungslagers Auschwitz durch eine jüdisch-katholische Vereinbarung in Genf beigelegt worden; scheinbar.

Hinter dem Skandal, der entstand, als die Karmelitinnen wortbrüchig nicht in die Nachbarschaft verzogen, als Polen protestierende Juden verprügelten, als böse Aussagen des Primas Glemp eine Intervention des Vatikan nötig machten, als die Nonnen das Gelände an Nationalisten verpachteten, welche im August noch Dutzende Kreuze vor dem Lager errichtet haben: hinter dem Kampf um Auschwitz stehen divergierende Deutungen des Holocaust."Eine Landmarke, mit der Terrain beansprucht wird", nannte der Pariser Anwalt Theo Klein, Leiter der jüdischen Delegation in Genf, das Kreuz über dem KZ-Gelände; von "Bekehrung der Toten" sprach Regisseur Claude Lanzmann.In Deutschland, wo die Gedenkstätte Dachau von katholischer, wo Buchenwald von marxistischer Akzentuierung dominiert war, wurde solche Konkurrenz selten offen ausgetragen.Sie tritt aber zutage, wenn um Mahnmale für Opfergruppen gefochten, wenn das "Shoah-Business" der jeweils anderen attackiert wird, oder wenn ein Autor mit allen Tricks sein Stück über des Papstes Mitschuld am Genozid der Ex-Reichshauptstadt als ewiges Theaterritual verordnet.

Es wäre bizarr, Edith Stein posthum in diese historische Rechthaberei hineinzuziehen; die Kolleginnen vom Auschwitzer Karmel haben ihrem Erbe einen zweifelhaften Dienst erwiesen.Die ungewöhnliche Biographie dieser Nonne, so dokumentiert auch ihr letztes Buch "Kreuzeswissenschaft", unterstützt kein Kreuzzug-Christentum, ihre Theologie kreist um den Schmerz als Instrument der Vereinigung mit Gott und um die Möglichkeit, mystisch für ferne Menschen einzutreten: für die deutschen Verbrecher; für leidende Angehörige; und (trotz des loyalen Synagogengangs der Konvertierten mit ihrer alten Mutter!) "für den Unglauben des jüdischen Volkes".Schon 1930 hat die radikale Christin von der "Dringlichkeit des eigenen holocaustum" geschrieben; dieser spirituelle Traditionsbegriff meint das "Ganzopfer".Ein Teil dieses Begriffs-Kompositums steckt auch im "Kat-holischen", welches "das Ganze" bezeichnet.Im Anspruch des katholischen Sinnsystems auf das Ganze ist der Konflikt mit den Deutern der Shoah und ihren Überlebenden schon angelegt.

Weil die Prüfungsbehörde des Vatikans ihren Tod, dem Edith Stein die Intention freiwilliger Hingabe vorangestellt hat, zum Martyrium für Christus erklärte, verkürzte sich 1987 der penible Seligsprechungsprozeß.Mit der von Johannes Paul II.zum 20.Jahrestag seines Pontifikats vorgenommenen Heiligsprechung wird die Karmelitin jetzt für die Gesamtkirche - so die Formel - "zur Ehre der Altäre erhoben".Heilige sind Mahnmale der Kirche, in deren Sinnsystem der Altar, vormals Stätte archaischer Menschenopfer, als jener Ort funktionieren soll, an dem die Wandlung des Schmerzes in Liebe sich vergegenwärtigt.Solche Sinngebung, die man glauben müßte, vereinnahmt nun öffentlich - da die Kirche zur Mediengesellschaft gehört - selbst den Holocaust: Läßt sich die obszönste Sinnlosigkeit der Geschichte durch solche fromme Widmung sinnhaft machen? Wem gehören die Toten? "Die Liebe ist das Freieste, was es gibt", schrieb die kirchentreue Edith Stein provokant.In Konfrontation mit Auschwitz wird die große Sinngebungs-Umarmung zur ideologischen Falle.Ohne die radikal persönliche Frage der Schwester Stein und des Monsieur Klein - "Wer bin ich": ein Geier? eine Made? - wird aus sogenannter Betroffenheit: Gleichgültigkeit.

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