Kultur : Wer im Glashaus sitzt

Streit um die Berliner Museumsinsel: eine Begegnung mit dem britischen Architekten David Chipperfield

Jürgen Tietz

Ein Haus, komponiert aus wiederverwendeten Ziegeln und großen Glasflächen – gleich gegenüber dem Berliner Kulturheiligtum, der Museumsinsel. Ein Skandal? Im Gegenteil. Das Galeriegebäude „Hinter dem Gießhaus“ für Heiner Bastian, das David Chipperfield derzeit verwirklicht, gehört zu den interessantesten Neubauprojekten Berlins. Mit seiner klassisch ruhigen Formensprache ist es prägnant, ohne dominant zu sein. Und vermittelt einen guten Eindruck davon, wie der britische Architekt es versteht, moderne Architektur in historische Umgebung einzufügen.

Längst gehört Chipperfield zu den global players der Architekturszene. Umfasste seine Werkübersicht in der spanischen Architekturzeitschrift „El Croquis“ 2001 gerade mal 200 Seiten, so sind es in der jüngsten Auflage bereits über 500. Chipperfields Entwürfe sind in Japan und China ebenso gefragt wie in Amerika und Europa. Im vergangenen Jahr stellt er das international beachtete „America’s-Cup-Gebäude“ am Hafen von Valencia fertig, das mit seinen weit auskragenden Terrassen wie die Brücke eines Ozeanriesen wirkt. Aber auch in Deutschland war Chipperfield zuletzt mit seiner Erweiterung des Literaturarchivs in Marbach erfolgreich. Gerade wurde sein Entwurf für das Kultur- und Kongresszentrum Würth mit dem ersten Preis der Jury bedacht.

Trotz dieses weltweiten Engagements betont Chipperfield im Gespräch, dass das Neue Museum in Berlin das geistige Zentrum seiner Arbeit bildet. Seit 1997 ist er mit dem stark beschädigten Baudenkmal auf der Museumsinsel befasst, 2009 soll es wiedereröffnet werden – nach über sechzig Jahren als Ruine. Dann können sich die Besucher ein Bild von dem differenzierten Restaurierungskonzept machen, das auf die ganz unterschiedlichen Erhaltungs- und Zerstörungszustände des Hauses eingeht, in dem Chipperfield auf die Substanz jedes einzelnen Raumes reagiert. Die Geschichte des Bauwerks und seine etappenweise Zerstörung sind für Chipperfield dabei wichtiger Bestandteil des Museums: „Man kann nicht so tun, als sei nichts geschehen, und das Gebäude rekonstruieren, ganz so, als wäre es nie beschädigt gewesen.“

Gegen die Rekonstruktionsbefürworter, die sich eine Kopie des Stülerbaus wünschen, setzte Chipperfield sein Konzept einer differenzierenden Restaurierung durch: „Es wäre viel einfacher gewesen, eine Kopie des Gebäudes zu schaffen, statt seine Geschichte behutsam zu bewahren.“ Eine ähnlich konsequente Haltung im Umgang mit Denkmalen würde man sich auch bei anderen Welterbestätten wünschen. Doch stattdessen dominiert in Deutschland derzeit die Neigung zu Rekonstruktionen, die die süffige Bildwirkung von Denkmalen in den Vordergrund stellt anstatt einer behutsamen Erhaltung der Denkmalsubstanz.

Heftig umstritten ist derweil allerdings das neue Eingangsgebäude der Museumsinsel, die James-Simon-Galerie, die Chipperfield direkt vor dem Neuen Museum plant. Sieht doch der Denkmalpfleger Michael Petzet, Weltpräsident des einflussreichen „International Council on Monuments and Sites“ (ICOMOS), durch den Neubau die „visuelle Integrität“ der Museumsinsel in Gefahr.

Auch die „FAZ“ ließ, als im November bekannt wurde, dass Kulturstaatsminister Bernd Neumann zusätzliche 73 Millionen Euro für die Errichtung des Eingangsgebäudes bereitstellen würde, eine Philippika vom Stapel: der Entwurf lasse jede Präsenz, jede Aura und alle Entschiedenheit vermissen. Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann erklärte zuletzt auf der Jahrespressekonferenz, die Chipperfield-Entwürfe seien nur als Rohentwurf zu verstehen, an der Endfassung werde vonseiten des Büros Chipperfield noch gearbeitet.

Unumstritten ist, dass die Museumsinsel ein neues Eingangsgebäude dringend benötigt. Schließlich fehlt es nicht nur an Raum für Wechselausstellungen und einem angemessenen Vortragssaal. Auch die Besuchermassen müssen künftig besser gelenkt werden. „Die Museumsinsel, das sind für mich fünf einzelne Museen, aber eben auch ein großartiges Ensemble. Und das wird künftig durch das neue Eingangsgebäude entlastet.“ Aber muss die James-Simon-Galerie unbedingt eine Glasfassade besitzen, wie es die ersten Entwürfe zeigen? Für Chipperfield wäre es „höchst seltsam“, an dieser Stelle im Stil von Alfred Messel, dem Architekten des Pergamonmuseums, oder gar Stüler neu zu bauen. So behutsam Chipperfield mit dem Denkmal Neues Museum verfährt, so konsequent setzt er bei der James-Simon-Galerie auf zeitgenössische Architektur, die die Funktion des Neubaus als Schaufenster für die gesamte Museumsinsel zum Ausdruck bringt. Auch wenn die anderen Museen abends geschlossen haben, sollen hier Veranstaltungen stattfinden, sollen Vorträge oder das Restaurant Besucher anlocken. Ein von innen heraus leuchtender Museumsbau wäre genau die richtige Visitenkarte.

Dass Chipperfield in der Lage ist, mit ganz unterschiedlichen Materialien höchst virtuos zu agieren, zeigen seine jüngsten Museumsprojekte. So besitzt das Figge Art Museum in Davenport im amerikanischen Iowa tatsächlich eine gläserne Fassade, während für sein Museum „The Hepworth“ in Wakefield polierte Betonfertigteile Verwendung finden. Noch in diesem Jahr sollen die überarbeiteten Entwürfe für die James-Simon-Galerie vorliegen, damit der sechste Baustein der Museumsinsel möglichst zeitnah nach dem Neuen Museum eröffnet werden kann – voraussichtlich 2012. Spätestens dann soll Berlin mit diesem zeitgenössischen Schaufenster für die Besucher der Museumsinsel ein weiteres architektonisches Highlight aus der Hand des Briten besitzen. Und man darf erwarten, dass es den Dialog der Moderne mit seiner historischen Umgebung genauso sensibel führen wird wie das Galeriegebäude „Hinter dem Gießhaus“.

DAVID CHIPPERFIELD, britischer Architekt, geboren 1953 in London, seit 1980

Gastprofessuren in Harvard, Graz, London, Lausanne, 1984 Gründung eines eigenen Büros.

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