Kultur : Wer ist der jüdische Mann?

IGAL AVIDAN

Das fünfte Jüdische Film-Festival in Berlin, das heute zu Ende geht, war das größte und das längste seiner Art. Fast alle Filme wurden von Einführungen begleitet, Regisseure wie Peter Lilienthal, Radu Mihaileanu (Frankreich) und Aviva Kempner (USA) waren zugegen, ein eleganter Michel Friedman vom Zentralrat der Juden hatte diese cinematographische Suche nach dem "Jüdischen Mann im Film", so das diesjährige Motto, eröffnet. Die Organisatoren - die Jüdische Volkshochschule und die Freunde der Deutschen Kinemathek - bemühten sich, Stereotype vom jüdischen Mann zu meiden. So fielen Paul Newman ("Exodus"), Chaim Topol ("Milchmann Tevje"), der alberne Jerry Lewis und der Großstadt-Neurotiker Woody Allen weg. Die beiden Organisatorinnen Nicola Galliner und Erika Gregor fanden stattdessen interessante Bilder wie die von Juden in Nazi-Uniform ("Train de Vie"), oder eines 13jährigen jüdischen Jungen aus Tunesien ("Netziv Hamelach"), einen träumerischen Mathematikstudenten aus Jerusalem ("Shlosha Yamim Veyeled") und einen echten "Muskeljuden", Amerikas ersten jüdischen Baseballstar ("The Life and Times of Hank Greenberg").

Hätte man sich damit begnügt, wäre dieses Festival ein absoluter Erfolg gewesen. Die Vorführungen waren gut besucht . Die meisten Filme waren ungewöhnlich und mochten mitunter sperrig anmuten. Michel Friedmans Versuch, zu zeigen, jüdische Kultur und Identität definiere sich nicht allein aus dem Antisemitismus und dem Holocaust, überzeugte nicht ganz. Erika Gregor meinte, es sei normal, daß der Massenmord an den Juden eine zentrale Rolle auf diesem Festival spiele: "Wir sind in Berlin, und all das geschah vor nicht langer Zeit".

So stellte Peter Lilienthal in seinem "David" überzeugend die Grausamkeiten des Dritten Reiches dar - aus der Sicht eines jüdischen Jungen. Im kanadischen Dokumentarfilm "So Many Miracles" wird der Zuschauer Zeuge einer berührenden Wiederbegegnung nach 45 Jahren zwischen einer polnischen Bäuerin und dem jüdischen Ehepaar, das sie im Zweiten Weltkrieg versteckte. Nur die drei israelischen Filmemacher haben das Thema ausgeklammert. Überhaupt: Beim Thema Holocaust fiel es den Veranstaltern schwer, einen fruchtbaren Dialog zwischen Juden und Nichtjuden zu fördern. Bei der ersten Vorführung von "Train de Vie" etwa, einer Slapstick-Komödie über ein Schtetl, das sich selbst nach Palästina deportiert, um den Nazis zu entkommen, wurde jede Diskussion im Keim erstickt. Eine Vertreterin der Jüdischen Gemeinde äußerte die Meinung, man solle nach Hause gehen, statt den Film zu "zerreden". Doch auch bei der zweiten Vorführung gabe es keine tolerante Diskussion, eher ein emotionales Wortgefecht. Der Regisseur Mihaileanu durfte ungehindert eine ältere Zuschauerin als "Faschistin" beschimpfen, nur weil sie seine zu sauberen Schtetl-Bilder als Verharmlosung des Holocaust betrachtete und somit für Deutschland gefährlich fand. Veranstalterin Nicola Galliner wiederum attackierte Zuschauer, die sich kritisch über den Film äußerten, einige jüngere Zuschauer hingegen ereiferten sich über einen älteren Mann, der nicht ihre Ansicht teilte, daß man nun "endlich" Witze über den Holocaust machen darf (oder vielleicht sogar muß).

Beim nächsten Festival ist mehr Toleranz dringend gefragt. Denn mit dem Umzug an den Potsdamer Platz wird das Festival im großen Foyer mehr Raum für Diskussionen bieten können. Fairerweise muß man erwähnen, daß bei anderen Vorführungen die Diskussionen zwar ruhiger, aber auch langweiliger verliefen, weil die Zuschauer nur technische Aspekte des Films ansprachen, oder weil die Filme selbst nicht kontrovers waren. Daß das Jüdische Filmfestival sich etabliert hat und auch jüngere Zuschauer anzieht, die sonst wenig Zugang zur jüdischen Kultur haben, sollte auch die Berliner Kulturverwaltung freuen. Stattdessen erschwert sie die Finanzierung dieses Festival zunehmend, ja, macht es fast unmöglich. "Vielleicht wollen sie gar kein jüdisches Filmfestival," fragte sich Ulrich Gregor, der in letzter Minute die Beteiligung der Kulturverwaltung in Höhe von 12 000 Mark sichern konnte.

Vielleicht nicht die Geldgeber, wohl aber das Publikum: Es muß ja nicht immer gleich Woody Allen sein.

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