Kultur : Wer ist faul im Staate Dänemark?

Christiania, das alternative Zentrum Europas inmitten von Kopenhagen, blüht. Es existiert nun schon 35 Jahre. Der Staat sähe es lieber anders: platt

Constanze Suhr

Dass Robbie Williams vor kurzem ein Christiania-Shirt erworben hat und dabei für einige Aufregung in der Freistadt sorgte, lässt Preben in der Schmiede kalt. „Interessiert mich nicht. Aber ich habe eine bessere Nachricht für dich: Fidel Castro hat von unserem Vertreter ein Pedderson Bike geschenkt bekommen.“ Das habe er sich gewünscht, und sicher werde er auch noch in der Lage sein, es zu fahren. Die zu Ruhm gelangten Pedderson-Räder baut man allerdings längst nicht mehr in der Freistadt, sondern auf Fünen und Bornholm. Die Christianiter montieren lediglich fertige Einzelteile zusammen. „Hier in Christiania kannst du dich nicht vergrößern“, kommentiert ein Mitarbeiter der Fahrradwerkstatt. Diese gehört neben der Schmiede, der Schreinerei und Ofenrestauration zu den Werkstätten, die inzwischen zu gut gehenden Betrieben avancierten. Auch in der Schmiede werden heute hauptsächlich nur noch die Teile, die in der auf Bornholm gegründeten Partnerwerkstatt hergestellt werden, montiert, einige Sonderarbeiten vorgenommen und die fertigen Produkte – am bekanntesten die typischen Lasten-Fahrräder und Anhänger – verkauft.

Christiania, jene links-alternative Parallelgesellschaft inmitten Kopenhagens, hat seinen Frieden mit Dänemark und der herrschenden Gesellschaft gemacht. Viele Bewohner arbeiten außerhalb der Siedlung, alle bezahlen ihre Steuern an den dänischen Staat, es ließe sich schiedlich nebeneinander leben. Es ist nur so, dass Dänemark, besonders seitdem die Rechtsliberalen unter Anders Fogh Rasmussen regieren, diesen Frieden gar nicht wollen. Christiania steht, obwohl als autonome Kommune mit eigener Straßenreinigung, eigener Post, eigener Schule voll funktionsfähig, mal wieder vor der Auflösung.

Preben aus der Schmiede ist nur einer von vielen, deren Existenz vom Erhalt der Freistadt abhängt. „Ich lebe und arbeite hier seit 31 Jahren und habe fast die ganze Entwicklung von Christiania mitgemacht. Für mich wäre es eine Katastrophe, wenn Christiana zerstört würde.“ Natürlich müsse man sich weiterentwickeln, aber nicht in Richtung Konsumgesellschaft. „Es ist ganz, ganz wichtig, dass es hier einfach bleibt, weil wir so umweltbewusst wie möglich leben wollen. Zum Beispiel die Transporträder, die wir seit Mitte der Achtziger hier produziert haben und immer noch verkaufen: Allein in Kopenhagen gibt es mindestens viertausend davon, hergestellt haben wir mehr als zehntausend. Wenn du dir vorstellst, vor wie vielen Autos wir Kopenhagen damit bewahrt haben!“

Umweltbewusst, einfach leben mit Rücksicht auf die Gemeinschaft, die Schwächeren unterstützen – das war der ideologische Traum der Gründerväter und -mütter, die Ablehnung von Waffen, Gewalt und harten Drogen waren eherne Grundsätze der Freistadt Christiania, die am 26. September ihren 35. Geburtstag feierte.

Im Herbst 1971, ein halbes Jahr nach Auszug des dänischen Militärs, hatten Studenten, Aussteiger, Anarchos und Hippies das ehemalige Militärgelände der Badsmandstraedes Kaserne im Südosten Kopenhagens besetzt. Das Gelände war verlassen, die Gebäude teilweise zerstört, das schreckte die Besetzer nicht. Sie begannen den Wiederaufbau und erprobten die andere Lebensform. Zum Unmut der Behörden, die Polizei unternahm einige erfolglose Versuche, das Areal zu räumen. Zum Ende des Jahres wohnten dort bereits um die vierhundert Menschen, die sich nach und nach organisierten, Versammlungen abhielten und Arbeitsgruppen zur Lösung meist praktischer Probleme wie zum Beispiel die Strom- und Wasserversorgung bildeten. Noch bis in die 80er Jahre gehörte es zum gehobeneren Standard in der Freistadt, über eine intakte Stromversorgung und Dusche zu verfügen.

1973, nachdem die damalige Regierung die Ausschreibung eines Ideenwettbewerbes für die zukünftige Nutzung des Geländes beschlossen hatte, wurde Christiania für die folgenden drei Jahre der Status „soziales Experiment“ verliehen. Trotz der weiterhin unsicheren Position wuchs die Gemeinschaft bis auf über achthundert Personen weiter an und begann sich zu festigen. Ein Selbstverwaltungssystem wurde entwickelt, Christiania von seinen Bewohnern in zehn Teilgebiete mit den Gebietsversammlungen als Entscheidungsorgan eingeteilt – höchste Instanz ist die Vollversammlung, in der nicht nach Mehrheitsbeschluss abgestimmt wird, sondern nur in Übereinstimmung aller anwesenden Christianiter.

Neben Einkaufsladen, Bäcker und interner Post wurde auch sehr früh schon das „Børnehus“ (Kinderhaus) zur Kinderbetreuung eingerichtet. Ein Müll-Team arbeitete Abfallsortierungsmöglichkeiten aus, wiederverwertbare Materialien konnten in der „Grønne Hal“ (Grüne Halle) aufbewahrt und abgeholt werden, in der Schmiede wurden aus alten Ölfässern Öfen gebaut, die zum größten Teil in den schlecht ausgestatteten Häusern Christianias landeten. Ebenso entstand aus der Not heraus das Badehaus, in dem die Bewohner Christianias ihre tägliche Körperpflege vornehmen konnten. Für die Festlichkeiten diente eine großräumige Halle, die „Grå Hal“ (Graue Halle). Auch der „Loppen“, eine Musikkneipe, entstand bereits in den Anfängen. Gruppen aus Christiania und von außerhalb traten dort auf, und in kurzer Zeit entwickelte sich das Lokal, ebenso wie die „Grå Hal“, für ganz Kopenhagen zu einer wichtigen Institution für Live-Musik.

Eine zum 1. April 1976 von der Regierung beschlossene Räumung der Freistadt wurde aufgrund der zahlreichen Solidaritätskundgebungen in ganz Dänemark verschoben. Das dänische Nationalmuseum veröffentlichte zu jener Zeit ein Buch über das alternative Leben in Christiania, Architekten und Stadtplaner äußerten sich begeistert über die Ideen und Konzepte der Freistadt. Hier wurden mit wenig Geld, Einfallsreichtum und idealistischem Elan viele Projekte ins Leben gerufen, wie zum Beispiel das Waschzentrum, in dem teilweise mit Regenwasser gewaschen und gebrauchtes Wasser wiederaufbereitet wird. Da gab es nicht nur nach einem ordentlichen Schauer Wasser gratis, sondern die Arbeit selbst wird voller Stolz vorgeführt. „Wir haben allein drei Monate gebraucht, um den Keller zu säubern, wir mussten ganz von vorn anfangen“, berichtet ein Christianiter aus der Ökologiegruppe, der mitgeholfen hatte, als das ruinöse Haus an der Pusherstreet ein Jahr lang ausgebaut wurde.

Die Pusherstreet – legendär, lange Zeit Touristenattraktion, aber auch permanent umstritten. Hier konnte Haschisch gekauft werden, legal, der einzige Platz in Dänemark. Aber das brachte auch Probleme. Ende der 70er Jahre nahm der Drogenkonsum rapide zu, und es wurde auch hier zunehmend mit harten Drogen gedealt. Die Christianiter versuchten gemeinsam mit der Polizei dagegen vorzugehen, aber sie scheiterten. Stattdessen mussten sie nun Entziehungskuren für Junkies organisieren, die eine enorme Belastung für die Gemeinschaft darstellten. 1979/80 fand dann die sogenannte „Junkblockade“ statt. Christianiter kontrollierten alle Ein- und Ausgehenden der „Fredens Ark“ (Friedensarche), die zum größten Umschlagplatz geworden war, Dealer harter Drogen wurden hinausgeworfen. Einen Monat zog sich die Aktion hin. Das heruntergekommene Haus wurde während dieser Phase instand gesetzt, neue Leute zogen ein. Heute befindet sich in der Fredens Ark unter anderem das Sozialbüro Christianias, „Herfra og Videre“.

Die Pusherstreet entstand dann Ende der 80er Jahre als weitere Gegenmaßnahme gegen den weiterhin blühenden Handel mit harten Drogen. Die Christiania-Bewohner hatten einfach genug davon, im Eingangsbereich, „Prärie“ genannt, ständig von aggressiven Dealern angesprochen und angepöbelt zu werden. Im Mai 1989 verrammelte schließlich eine Gruppe von 100 Christianitern im Morgengrauen den Haupteingang mit einem fast zwei Meter hohen und ein Meter dicken Wall aus Beton und Eisenbahnschwellen und verlegte den Durchgang zur Freistadt um ein paar hundert Meter. Die Pusher wurden hinter eine Linie verbannt, wo sich dann nach dem Mauerbau die Verkaufsstände und Tische ansammelten.

Dem Staat blieb die Straße ein Dorn im Auge, immer mal wieder wurden Räumungsdrohungen ausgesprochen und mit dem überhandnehmenden Haschhandel begründet. Eine Zeitlang ertrugen die Christianiter den Anblick der schwarz uniformierten und behelmten Polizisten, die mit gezücktem Schlagstock und Schild regelmäßig in die Pusherstraße einrückten, mit Gelassenheit. 1994 jedoch organisierten sie eine große Gegendemonstration, starteten eine landesweite Kampagne für die korrekte Hanfanpflanzung und ernteten viel und ernsthafte Beachtung. Seit 2001 weht mit den Rechtsliberalen jedoch ein anderer Wind.

„Natürlich haben wir hier Probleme in Christiania, und ein großes Problem ist der Haschischverkauf“, sagt der Architekt, Filmemacher und Journalist Nils Vest, seit 27 Jahren in Christiania. „Viele Dänen lieben es zu rauchen und sind gern nach Christiania gekommen, weil sie wussten, hier kann man Dope kaufen, ohne etwas anderes angeboten zu bekommen. Heute ist das anders, wir haben täglich zehn bis dreißig Polizisten, die hier rumwandern und Leute kontrollieren. Sie verwenden so viel Kapazität, um das Haschischrauchen zu verhindern, aber gleichzeitig ist ein einziger Beamter hier in Dänemark mit dem Menschenhandel und Zwangsprostituierten aus Osteuropa beschäftigt.“

Das Gebiet, auf dem die Freistadt sich befindet, sei nun in den letzten Jahren – nach Privatisierung der alten Flottenbasis und der Entwicklung des Stadtteils Holmens in der Nachbarschaft – für Leute mit Geld attraktiv geworden, so Vest, und sicher würden sich ein paar Freunde der Regierung gern ihr Häuschen dort einrichten. „Für Rasmussen ist Christiania ein Symbol der Alternativen aus den 60er Jahren, das soll vernichtet werden. Vor fünfzehn Jahren wurde abgemacht, dass wir hier in den Häusern wohnen dürfen, das kann man nicht einfach ändern. Alles ist eingefroren, wir können keine Häuser umbauen oder neue errichten. Kulturprojekte müssen genehmigt werden. Sie versuchen uns mürbe zu machen.“

Als eine der ersten Amtshandlungen entwarfen die Rechtsliberalen einen Sanierungsplan, der die Umwandlung des ehemaligen Kasernengebiets in ein Wohnareal mit Eigenheimen vorsieht. Allerdings hatten sie nicht mit der überwältigenden Sympathie für Christiania gerechnet. Über hunderttausend Unterschriften wurden bereits in der dänischen Bevölkerung für den Erhalt der Freistadt gesammelt. „Fünfundsiebzig Prozent der Kopenhagener wollen den Erhalt Christianias“, erklärt Nils Vest, der sich auf die neuesten Umfragen bezieht.

Zumal das Hauptargument der Gegner Christianias nicht mehr zieht. Anfang 2004 mussten die Hanfhändler ihre Stände abbauen. Eines der originellsten bemalten Büdchen, in denen die braunen Klumpen angeboten wurden, fand Einzug in das dänische Nationalmuseum, zwei Jahre später folgte eine Wandmalerei, die in den 90ern von der Fassade des ehemaligen Informationszentrums abgetragen wurde. Die Verbürgerlichung des Subversiven. Doch Christiania wehrt sich. Vests Frau, die Schauspielerin Britta Lillesøe, lebt von Beginn an in Christiania. „Wir wollen nicht normalisiert werden, sondern legalisiert, denn es ist wirklich hart, hier zu leben und nie zu wissen, ob du von einem Tag auf den anderen rausgeschmissen wirst. Aber wir sind eine multikulturelle Gemeinschaft aus der Hippie-Tradition, die im Kollektiv leben will, Arme zusammen mit weniger Armen. Wenn sie uns trennen wollen, indem man seine Wohnung kaufen muss, dann zerstören sie die Grundidee Christianias.“

Einen Teil der Grundidee haben sie gleichwohl selbst zerstört. Christiania hat sich dem Kommerz und den vielen Besuchern zugewandt. Ein kleiner Markt im Eingangsbereich, deren Verkaufsstände mit Falafel, Schmuck, T-Shirts mit Hanfblattmotiv und anderem Aufdruck – inzwischen die roten „Bevar Christiania“-Shirts –, Haschpfeifen mit Zubehör und anderes bieten, erinnert an den „Hippie-Markt“ auf Ibiza: Aus der kreativen Dynamik wurde die Kommerzialisierung der Idee. Ein weiteres Zugeständnis an den Tourismus war die Bildung der Tourführer. Wenn man schon nicht verhindern konnte, dass Neugierige durch die Fenster der Häuser blickten, dann wollte man sie wenigstens so weit in Schach halten, dass sie nicht ins Wohnzimmer stiegen. Es wurde ein Reiseführer in mehreren Sprachen gedruckt, der auch Verhaltensregeln beinhaltete, und in der Einkaufszentrale verteilt. Etwa 500 000 Besucher strömen jährlich durch das reichlich begrünte, ca. 34 Hektar große Gebiet mit Wällen, Wallgräben und ungefähr 170 Gebäuden aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die durch neue Kreationen der Christiania-Bewohner ergänzt wurden.

Zu den meist extravaganten Bauwerken gehört auch das „Bananahuset“. Wandernde Gesellen aus Deutschland haben das Haus in Form einer Banane aus Material von Abrisshäusern Mitte der achtziger Jahre nach dem Entwurf von Christianitern errichtet. Der Zimmermann Thomas, einer der Bewohner, war 1985 bei dem Treffen von Axt und Kelle dabei und hat mitgebaut, seit 1988 lebt er ständig in Christiania und betreibt eine kleine Einmannfirma. Seine zwei Kinder gehen hier zur Schule. Seine Wohnung im Bananenhaus würde er nicht so ohne weiteres aufgeben, ebenso wenig wie Peter Plett aus der Wohngemeinschaft in der „Fabrikken“. „Es gibt ein Gesetz, das Christiania ein Existenzrecht zugesteht, jahrelang wurde diskutiert, unter welchen Bedingungen, nun kommt eine neue Regierung, und die will alles ändern. Also geht es wieder von vorn los“, sagt Plett.

Aber Christiania wehrt sich und ist bestens vorbereitet. In den nächsten Wochen wird eine Entscheidung der Regierung erwartet. Für den Fall, dass Christiania geräumt werden soll, folgt eine Prozessflut. Bewohnerin Pernille Hansen bringt es auf den Punkt: „Die Anwälte Christianias werden 800 Einzelklagen einreichen. Jede Person wird für sich ein Bleiberecht beantragen. Das sollte das System für die nächsten zehn Jahre beschäftigen.“

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