Kultur : Wer kann Berlin regieren?: Alleinunterhalter: Gysi studiert nicht gerne Akten

Matthias Meisner

Es war kein Zufall, dass Gregor Gysi dabei war, als Bundeskanzler Gerhard Schröder Anfang Mai in seinem Berliner Gästehaus die PDS-Bundesspitze empfing. Die Teilnahme des Ex-PDS-Chefs an der Runde hatte sich Schröder selbst gewünscht - auch weil Gysi einer ist, der sich wenig um Vorgaben aus der Parteizentrale schert.

Doch ist der PDS-Zampano, nur weil ihn der Kanzler für einen angenehmen und witzigen Zeitgenossen hält, auch schon der geeignete Mann für das Amt des Regierenden Bürgermeisters? Gregor Gysi gefällt es schon, dass seit Monaten die Frage immer wieder gestellt wird, weil sie vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Aktenstudium ist dem gelernten Juristen verhasst, auch deshalb gab er die Führung der Bundestagsfraktion ab. Andererseits fehlt ihm nicht die für Politiker wohl unabdingbare Eitelkeit.

Und Autorität? Nach innen, in seine Partei, hat Gysi sie. Wie wohl wenige andere hat er die PDS herausgefordert, und viele seiner Vorschläge gingen nur durch, weil sie von Gysi kamen. Ungern lässt sich der PDS-Vormann selbst etwas sagen, und doch zweifelt in den eigenen Reihen keiner an seiner Beliebtheit. Für ihn würden die Genossen Wahlkampf machen - obwohl doch fast 40 Prozent wollen, dass die PDS vor allem als Oppositionspartei Politik macht. Der gebürtige Berliner Gysi kennt seine Heimatstadt aus dem eff-eff, vor allem natürlich den Osten. Er hat an der Humboldt-Universität studiert. Nach der Wende hat er sich nicht in den Berliner Klüngel ziehen lassen, und derweil dafür gesorgt, dass die PDS im Westen ankommt, von der Gesellschaft akzeptiert wird. Nutzt das heute für sein Ansehen im Westteil der Hauptstadt?

Berlin interessiert ihn - gerade wegen der Herausforderungen der Ost-West-Stadt. Im Herbst übernimmt er ein Mandat in einer Charlottenburger Anwaltskanzlei, er kämpft für die Kultur und versteht sich mit Wirtschaftsleuten. Bei einer Direktwahl, da sind sich seine Parteifreunde einig, würde Gysi keinen Augenblick zaudern - und kandidieren. Nur eben diese Direktwahl ist keinesfalls sicher.

0 Kommentare

Neuester Kommentar