Kultur : Wer kann Berlin regieren?: Mister Berlin: Diepgen kennt alles in der Stadt

Lorenz Maroldt

Kaum jemand kennt Berlin so gut wie Eberhard Diepgen. West-Berlin. Er hat die Stadt seit seiner Geburt nie wirklich verlassen. Er hat die Blockade erlebt und den Bau der Mauer. Er hat mit Freunden aus der Studentenzeit die muffige, bewegungsarme Berlin-CDU erobert, erfrischt und an die Macht gebracht. Dann brachte er sich selbst nach ganz oben - und hielt sich dort, bis auf ein rot-grünes Intermezzo, viele Jahre.

Hier beginnt sich der Vorteil in einen Nachteil zu wenden. Denn Diepgen wäre es nicht gelungen, so lange ganz oben zu bleiben, hätte er nicht ein dichtes Beziehungsgeflecht um sich herum geschaffen. Das kann er nun nicht mehr zerschlagen, obwohl genau das ein Teil des Berliner Problems ist. Das Geflecht verhindert effektive Kontrolle. Aber ohne Kontrolle geht es nicht mehr. Das Geflecht behindert freie Entscheidungen. Aber die sind jetzt nötig.

Diepgen hat Berlin wie einen kuriosen Betrieb regiert - er war Vorsitzender des Vorstands, des Aufsichtsrats und des Betriebsrats zugleich. Das konnte nicht gut gehen. Und das kann nicht so bleiben. Nur: welchen Job gibt er auf? Am besten den im Betriebsrat. Ob er sich das traut? Immerhin hat der Betrieb ihn vor allem wegen dieser Funktion immer wieder gewählt.

Diepgens Autorität nach innen ist unkalkulierbar. Vor drei Jahren wollten ihn fast vierzig Prozent der CDU-Parteitagsdelegierten nicht mehr als Vorsitzenden sehen. Kurze Zeit später war er wieder bärenstark. Heute fehlt ihm sein Freund Klaus Landowsky bei der Abwehr von Gegnern, und die gibt es immer. Jetzt noch ein paar mehr.

Außerhalb Berlins gilt Diepgen als schwach, allenfalls verlässlich. Große Anziehungskraft hat er nicht. Mit dem neuen Tempo der Stadt konnte der Regierende Bürgermeister nicht mithalten - trotz Jogging-Imagekampagne. Diepgens Verhältnis zu den Kanzlern war immer getrübt. Kohl und Schröder achten ihn nicht. Schlechte Voraussetzungen, um vom Bund zu verlangen, was Berlin vom Bund braucht.

Berlin hat Diepgen genügt. Aber das genügt jetzt nicht mehr.

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