Kultur : Wer kommt nach Flierl?

Senatskanzlei-Chef Schmitz redet sich warm

Michael Zajonz

Nach den Berliner Wahlen im Herbst wird auch über das Amt des Kultursenators gesprochen werden. Dass der glücklose Thomas Flierl weitermacht, ist unwahrscheinlich. Da merkt man auf, wenn André Schmitz, der kulturpolitisch erfahrene Chef der Berliner Senatskanzlei, eine Rede über „Kultur, Bildung, Integration – eine Vision für Berlin“ hält. Empfiehlt sich da der engste politische Vertraute von Klaus Wowereit als künftiger Senator?

Eingeladen hat das Kulturforum Stadt Berlin der Sozialdemokratie, ein vom früheren Kulturstaatssekretär Winfried Sühlo präsidierter Honoratiorenverein. Man versteht sich als Lobby für die Kulturszene. Etliche amtierende oder ehemalige Chefs von Berliner Kultureinrichtungen erscheinen in Sommerfestlaune in der Bremer Landesvertretung. Und Schmitz’ tour de force ist zunächst halb staatsmännisches Selbstlob, halb Durchhalteappell ans wertkonservative Kulturvolk: Von ganzheitlicher Bildung, „Selbstverständigung über unsere kulturelle Tradition“, von Kultur als Gesellschaftskitt und Identitätsmotor ist die Rede.

Mehrfach lobt Schmitz ausdrücklich Flierl: Opernstiftung und Mauergedenkkonzept seien ihm zu verdanken. Und das bei unter zwei Prozent Kulturhaushalt, gemessen an den Gesamtausgaben. Aber vielleicht könne der Bund ja noch das ein oder andere übernehmen... Interessanter wird es, als Schmitz fordert, Einrichtungen der Hochkultur „durchlässiger“ für Jugendliche aus Migrantenfamilien zu machen. Arbeitsmarkt, Integration und Bildung seien die drängendsten Probleme: „Warum soll das nicht auch einen Chefdirigenten oder Museumsdirektor beschäftigen?“

Schmitz beruft sich auf Kronzeugen wie Matthias Lilienthal, dessen HAU erfolgreich mit Jugendlichen arbeitet, oder auf Sir Simon Rattle mit seinem „Rythm Is It“-Projekt. Es geht ihm um kulturelle Bildung ohne sozialpädagogischen Zeigefinger. Politik und Verwaltung müssten – und da beginnt der Mann, der sich noch immer als politischer Quereinsteiger fühlt, ein wenig zu träumen – solche Initiativen über Ressortgrenzen hinweg begleiten.

Dann gibt sich André Schmitz, immerhin einst kommissarischer Intendant der Deutschen Oper, doch noch pragmatisch. Die Opernstiftung („ihre Grundidee ist richtig“) müsse nachjustiert werden. Das sei „eine der großen kulturpolitischen Herausforderungen in der kommenden Legislaturperiode“. Die bis 2009 geplante Absenkung von 16,8 Millionen Euro sei „vielleicht ein zu hoch gestecktes Ziel“. Ein weiterer Schwerpunkt der Berliner Kulturpolitik sollte künftig in der zeitgenössischen Kunstszene der Stadt liegen. Eine Kunsthalle für aktuelle Kunst wäre wünschenswert, ein Neubau nicht nötig. Berlins Charme besteht ja darin, mit Provisorien zu leben.

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