Kultur : "Wer mich will, wird auf mich hören"

TAGESSPIEGEL: Haben Sie manchmal das Gefühl, daß Ihre musikalische Arbeit an der Deutschen Oper im Schatten der dauernden kulturpolitischen Diskussionen um die Zukunft des Hauses steht?

THIELEMANN: Partiell.Das Haus ist ja hauptsächlich wegen unangenehmer Dinge im Gespräch, und darüber gerät oft in Vergessenheit, daß hier musikalisch sehr engagierte Arbeit geleistet wird.Aber das hat natürlich auch damit zu tun, wie sich das Haus nach außen präsentiert - das überlagert die musikalischen Erfolge offenbar.

TAGESSPIEGEL: Müßte die Deutsche Oper nicht mit einer massiven Werbekampagne gegensteuern?

THIELEMANN: Dieses Haus muß einfach ein neues Outfit haben.Wenn die Klamotten dreckig sind, ist der Bart ab.Darüber müßte man sich hier viel mehr Gedanken machen.Ich würde, wenn es denn in meiner Macht stünde, alles tun, die Selbstdarstellung des Hauses zu verbessern.

TAGESSPIEGEL: Schauen Sie manchmal neidisch auf die Staatsoper?

THIELEMANN: Neidisch nicht, aber ich stelle fest, daß man Unter den Linden offenbar mehr Geld für Marketing bereitstellt.Selbst wenn Sie in irgendeine Kneipe im Prenzlauer Berg gehen, liegen da die Folder der Staatsoper rum - von uns dagegen nichts.Ich kann mich nur um mein Orchester kümmern, nicht auch noch um die Verteilung der Prospekte.

TAGESSPIEGEL: Böte es sich da nicht an, die Verantwortung für das Haus gleich selber zu übernehmen?

THIELEMANN: Ich habe mir das natürlich überlegt, aber ich finde, die intellektuelle Auseinandersetzung zwischen zwei Leuten, die ein Haus gemeinsam leiten, ist wahnsinnig wichtig.Und Auseinandersetzung heißt für mich, daß niemand einseitig bestimmen kann und nur so lange gesprächsbereit ist, wie er Lust hat.Es müssen zwei Leute sein, die beide Ideen haben, von von verschiedenen Polen kommen, aber vertraglich so aneinander gekettet sind, daß sie sich einigen müssen.Wenn Sie aber einen Generalintendanten wollen, der alles allein bestimmt, werden Sie einen international arrivierten Dirigenten nur als Gast bekommen.Aber jedes Orchester braucht einen guten Dirigenten, der sich ständig mit ihm befaßt.

TAGESSPIEGEL: Sollte der neue Intendant Regisseur oder Manager sein?

THIELEMANN: Ein Regisseur auf keinen Fall - die Zeit dafür ist einfach vorbei.Es muß ein Künstler sein, der internationale Kontakte hat, der in seinem Job absolut sattelfest ist.Eingewöhnungsphasen können wir uns bei dem Wettbewerb in der Stadt nicht leisten.Und es muß jemand sein, der eigene Ideen, andere Farben einbringt..Es darf sich nur nicht so abspielen, daß dieser Mann oder diese Frau soviel Geld für seine Anliegen ausgibt, daß ich mir nicht mehr die Sänger leisten kann, die ich haben will.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie schon einmal bedauert, Ihren Posten angetreten zu haben?

THIELEMANN: Nee, bislang noch nicht.Es gibt manchmal Momente am Pult, und seien es nur zwei Minuten, da macht das Ganze so einen Spaß, daß man dafür den Rest vergibt.

TAGESSPIEGEL: Die Staatskapelle profiliert sich zunehmend auch international als Konzertorchester.Zieht das Orchester der Deutschen Oper bald nach?

THIELEMANN: Ich habe schon einige Angebote gehabt, mit dem Orchester auf Tournee zu fahren.Das ist aber daran gescheitert, daß man die Planung an diesem Haus nicht mehr hat umschmeißen wollen.Dieses Haus hat sich jahrelang über die Szene definiert, und erst seit ich da bin, nimmt man wieder zur Kenntnis, daß es auch ein Orchester gibt.Aber ein Opernhaus muß sich gleichgewichtig über Szene und Musik definieren.

TAGESSPIEGEL: Wenn nun als Nachfolger Götz Friedrichs jemand benannt wird, mit dem Sie nicht auskommen, sagen Sie dann: "Nicht mit mir"? Internationale Angebote haben Sie ja offenbar genug.

THIELEMANN: Sehen Sie, ich habe eine sentimentale Bindung an dieses Haus.Ich habe hier meine ersten Opern gesehen, hier vor zwanzig Jahren als Korrepetitor angefangen.Ich habe eine sentimentale Bindung an viele Leute hier, an das Orchester.Das gibt man so schnell nicht auf.

TAGESSPIEGEL: Auf der anderen Seite hat Gerard Mortier gerade behauptet, er könne mit Ihnen nicht zusammenarbeiten, weil Sie als Dirigent nicht gut genug und als Künstler zu sehr im 19.Jahrhundert verwurzelt seien.

THIELEMANN: Ich kenne Herrn Mortier nicht und habe noch nie mit ihm gesprochen.Aber ein Haus wie die Deutsche Oper kann nur von zwei Leuten geführt werden, die sich verstehen.Und da kann man natürlich keine beleidigenden oder herabsetzenden Statements veröffentlichen.So kann man nicht miteinander arbeiten.Davon abgesehen sind mir keine Bestrebungen bekannt, eine Doppelintendanz für die Deutsche Oper und die Staatsoper einzurichten, wie sie Mortier anstrebt.Für mich ist allein wichtig, daß ich mich, in dem Karrierestadium, in dem ich bin, nicht über tägliche Hackereien ärgern muß.Und letztlich ist die Sache für die Kulturpolitik klar: Wenn man mich behalten will, wird man auf mein Wort hören.

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