Kultur : Wer mit Palmen wirft

Grün ist die Hoffnung: „Shrek 2“, der neue Kusturica und asiatisches Pulp-Kino in Cannes

Jan Schulz-Ojala

Schaut man aus den Fenstern des Palasts von König Harold und Königin Lillian, kann man auf den Hügeln rundum in großen Lettern den Namen ihres Reiches lesen: FAR FAR AWAY. Weit weg ist das alte Disney-HOLLYWOOD, von den Kreativsümpfen des Dreamworks-Studios aus betrachtet – und zur endgültigen Schleifung dieses ewigen Neuschwansteins aus der Trickfilmkiste hat es vor drei Jahren den grünen, trompetenohrigen Riesenwaldschrat Shrek ausgebrütet. Der eroberte die schöne Königstochter Fiona, die aus Liebe selber ganz grün und pummelig geworden war, führte sie heim in sein Waldschratenreich, und fortan lebten sie glücklich und zufrieden bis zur Produktion von „Shrek 2“.

Weit, weit weg ist das Disney- und Dreamworksland namens Hollywood meist, von den Hügeln rund um Cannes aus betrachtet; wenn aber Shrek vorbeiguckt mit seinem lustig plappernden Esel, ist immer ein Plätzchen im Wettbewerb frei. Und sollte der Humor so frisch bleiben wie die popkulturellen Anspielungen und Shrek den total digitalen Animationsfilm weiter so stürmisch vorantreiben, darf sich Cannes schon heute auf „Shrek 3“ und „Shrek 4“ freuen, die Dreamworks soeben angekündigt hat. Ja, Shrek ist für das Vergnügen geboren und für nichts als das – diesmal für das kindliche Vergnügen, den grünen Riesen mitsamt grüner Glücksgattin bei den entsetzten Schwiegereltern nebst böser Zauberfee auflaufen zu sehen. Und für das erwachsene Vergnügen an der fast schelmenromantisch sanften Satire auf McDonalds und Garfield oder auch auf die Oscars – aber passt der ganze Rote-Teppich-Zinnober nicht ebenso auf Cannes, wenn Cake Kong, der Riesenlebkuchenmann, in der Hitze des Gefechts schon mal mit schütteren Palmen wirft?

Filme aber, bei denen Erwachsenen wirklich die Luft wegbleibt vor lauter Staunen und Freude und Schmerz und Erkenntnis, kommen meist anderswo her. Weit weg liegt auch (Süd-)Korea mit seiner furios prosperierenden Filmindustrie, und es fasziniert seit Jahren gleichermaßen mit seinem thematischen Innovationsgeist, seiner Formsicherheit und emotionalen Wucht. „Old Boy“ von Park Chan-wook zum Beispiel, der mit „Joint Security Area“ bekannt wurde, ist ein echter Hammer im Wettbewerb von Cannes. Mit dem Hammer, allerlei Stichwaffen oder auch seinen bloßen Fäusten schlägt sich ein fünfzehn Jahre offenbar grundlos eingesperrter und plötzlich entlassener Mann (darstellerpreisverdächtig: Choi Min-sik) den Weg zu der Erkenntnis frei, welcher selbst ernannte Peiniger ihm sein Leben geraubt hat und warum. In einem futuristisch anmutenden Setting, das aber im Heute spielt, geht dieser Mann durch eine Hölle aus Betäubung, Hypnose, Halluzination und Gewalt, um ein frühes Rätsel seines Lebens zu lösen – getröstet und angetrieben von einer neuen, seltsam geschenkten und zugleich grausam vergifteten Liebe zu einer jungen Frau (Gang Hye-Jung). „Old Boy“, entfernt gründend auf einem japanischen Manga von 1997, wirkt wie „Pulp Fiction“, ins finster Asiatische gewendet: Fernab postmoderner Ironie plündert der Film die Genres, nur um sie zu sprengen. Schon möglich, dass Jury-Präsident Quentin Tarantino, wenn es ans Zusammenzählen geht, sogar ein bisschen neidisch werden könnte.

Mit Shrek freuen wir uns, mit dem koreanischen Old Boy leiden wir – und wen schenkt uns für Erkenntnis und Gefühl Emir Kusturica, einer der alteuropäischen Granden für das Kino bigger than life? Einen schüchternen Eisenbahnfreak. Hoch oben in den bosnischen Bergen lebt der Serbe Luka (Slavko Stimac) mit Frau und fast erwachsenem Sohn, als 1992 der Krieg kommt. Seine Frau brennt durch, der Sohn gerät in Gefangenschaft, und zwecks späteren Austauschs wird Luka die muslimische Krankenschwester Sabaha (Natasa Solak) zugeführt. Beide verlieben sich im Geschützfeuer, Lukas Frau kehrt zurück, Sabaha wird verwundet, der auch private Gefangenenaustausch findet planmäßig statt und Luka, der schon den Kopf auf die Gleise seiner Bergbummelbahn gelegt hatte, wird nach zweieinhalb länglichen Kinostunden von einem störrischen Esel gerettet.

„Life is a Miracle“ versammelt alles, was wir an Kusturicas Filmen lieben, Wein, Weib, Gesang, Getier und Gelärm ohne Ende – und doch ist der Film eine einzige Enttäuschung. Auch den kaum vergangenen Krieg, den Kusturica doch als Rahmen gewählt hat, betrachtet er aus der Perspektive des bloß bildergeilen Folkloristen, und die interkonfessionelle Liebesgeschichte, die er zumindest auf der Pressekonferenz in den Vordergrund stellte, bleibt so blass wie ihre Helden. Überhaupt, das Frauenbild: Sie putzen willig, kochen und backen brav und halten ansonsten ihre Hinterbacken hin – Punchingballs für die Boxhandschuhe betrunkener Machos oder, haha, geiles Objekt im Zielfernrohr bosnischer Scharfschützen. „Life is a Miracle“ dokumentiert, als eitles Selbstzitat, die Stagnation eines großen Regisseurs.

Bleiben die stillen Filme. Sie haben es schwer dies Jahr in Cannes, Filme, die von Einsamkeit handeln, Filme, die eine kleine Geschichte entwickeln. Paolo Sorrentinos „Le conseguenze dell’amore“ porträtiert einen Italiener (souverän kühl: Toni Servillo), der seit Jahren allein in einem Hotel im Tessin lebt – und die Story ist, als minimalistische Seelenstudie, so lange überzeugend und berührend, wie wir nichts von ihrer (mafiösen und amourösen) Auflösung wissen. Und Benoit Jacquot erzählt in seinem intimen Schwarzweißfilm „A tout de suite“ von einer Liebe auf den ersten Blick, die kaum Wörter braucht: Eine Abiturientin aus gutem Hause (Isild Le Besco) verfällt Hals über Kopf einem jungen Kriminellen (Ouassini Embarek) und flieht mit ihm über Marokko bis nach Griechenland, wo sie ihn am Flughafen von Athen für immer verliert. Wie dieses abgerissene Leben in einem Warten weitergeht, in Zufallsbegegnungen und einer tränenlosen Verzweiflung von Nebenan, der Isild Le Besco aus einem tiefen Wissen Gesicht und Körper gibt: Wer das sieht, ist wirklich angekommen, FAR FAR AWAY.

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