Kultur : Wer mit wem?

Uraufführung an der Dresdner Semperoper: „La grande magia“ von Manfred Trojahn

Sybill Mahlke

Für einen Augenblick lugt die Fürstin Feldmarschallin herein. Der Komponist Manfred Trojahn nennt sein „Rosenkavalier“-Zitat eine Verbeugung vor Strauss. In der Oboe klingt die Musik wie ein instrumentaler Gruß vom Himmel, während auf der Bühne ein Vorstadtzauberer namens Otto den Hofmannsthaltext quasi begleitend in seine eigene Tonsprache bringt: „Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding.“ Raffiniert verpflanzt Trojahn die poetische Resignation der Marschallin, einen der großen, liebenswertesten Momente des Musiktheaters, aus dem adeligen Milieu in seine Kleinbürgerkomödie „La grande magia“. Wie er hier verfremdend den Abstand wahrt, das macht ein Stückchen Magie aus, das den umfassenden Musikliebhaber wie den Hochschullehrer Trojahn kennzeichnet. Der Rest der Oper, seiner vierten nach „Enrico“, „Was ihr wollt“ und „Limonen aus Sizilien“, ist munteres Volkstheater in gebildetem Konversationston.

In der Sächsischen Staatsoper nimmt das Publikum die Premiere mit sympathisierender Herzlichkeit auf. Keine Erregung. In vorauseilender Freude stellt das Haus sein neues Auftragswerk in die Erinnerungsreihe der wichtigsten Uraufführungen am Dresdner Theaterplatz: von „Rienzi“ und „Tannhäuser“ zu „Salome“ und „Elektra“. Auch ein Werk Adriana Hölzkys gehört jüngst dazu.

Das Libretto des „Großen Zaubers“ von Christian Martin Fuchs geht frei mit einem Schauspiel von Eduardo de Filippo um, der als Komiker mit den traurigen Augen geschildert wird. Das bedeutet, dass in seinen neapolitanischen Komödien oft ein Flair von Tragödie weht. Die Autoren Trojahn und Fuchs wählen den italienischen Titel „La grande magia“, um eine deutsche Oper zu präsentieren.

Familienurlaub am Meer. Die Familienbande der Di Spelta haben Risse. Affären, langweilige Ehen. Marta, eine offenbar begnadete Sängerin, leidet darunter, dass ihr Gatte Calogero ihr das Theater verbietet. Zwei Fremde, Arturo mit dem Mädchen Amelia, schwärmen von dem Zauberer Otto. Dieser Magier beherrscht den Trick, die schöne Marta verschwinden zu lassen. Nur ein Viertelstündchen, für ein Rendezvous mit ihrem Liebhaber. Es werden sieben Jahre daraus. Denn die Zeit ... Jeder hat seine eigene, meint Otto und übergibt Calogero ein Kästchen, in dem seine Frau verschlossen sein soll. Der Betrogene verehrt in der Schatulle die Illusion einer vollkommenen Liebe. Als Marta, inzwischen Bühnenstar, leibhaftig wiederkehrt, zeigt sich, dass sie seinem Ideal einer häuslichen Ehefrau nicht entspricht.

Es fällt zunächst schwer, sich in dem Pulk des 12-köpfigen Solistenensembles zurechtzufinden. Wer ist mit wem verschwägert? Da der Komponist explizit Opernmöglichkeiten sucht und schönes Singen auf der Bühne liebt, wird schön gesungen. Zu der kleinen, „Ariadne“-nahen Orchesterbesetzung, die von der Sächsischen Staatskapelle unter Jonathan Darlington sorgsam verkörpert wird, kommt eine farbige Sängergemeinschaft. Sie spricht in Persönlichkeiten wie Barbara Hoene (Ottos Frau Zaira), Andrea Ihle (Matilde Di Spelta, Mutter des Ganzen), Sabine Brohm, Gerald Hupach, Christoph Pohl, Jürgen Commichau, Tom Martinsen für die Dresdner Ensemblekultur. Hinzu treten Rainer Trost, der Münchner Trojahn-Sänger, in der Rolle des Calogero, der Charaktersänger Urban Malmberg (Otto), Marlis Petersen (Marta), die sich leidenschaftlich zum hohen C aufschwingt, und als Überraschung Romy Petrick (Amelia), ein kleines Mädchen mit Zerbinetta-Möglichkeiten. Straussisch klingt die Partitur denn auch nicht nur im Zitat, gut gemacht mit Arien, viel Konversation, Wiederholung bereits gesungener Motive, Ensembles, darunter ein langes a cappella à 4, Walzer, „Seestück mit Nachtwind“ und kleiner Sturmwarnung der Pauke, Bühnenmusik für Klarinette, Akkordeon, Tuba.

Dennoch hat die Partitur ein gleichmachendes Element, gefälliges Musiktheater, das nicht schmerzt. Ähnlich wie Trojahns Shakespeare-Oper 1998 in München. Keine Offerte für Neugierige.

Regisseur Albert Lang bewegt die Akteure geschickt in dem Ambiente der Designerin Rosalie. Krokotasche, Sonnenbrille, die langen Halsketten aus den Fünfzigern. Bühnenbeherrschend wabern Bälle, die an Physiotherapie für Riesen denken lassen, und, in anderer Beleuchtung, an nostalgische Weihnachtskugeln. Wenn sie zerplatzt aussehen wie blaue Müllsäcke, naht das Ende vom Spiel.

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