Kultur : Wer nicht für mich ist, ist gegen mich

Nicht weit von Ground Zero: Al Pacino spielt Brechts „Arturo Ui“ in New York

Michaela Soyer

Davon hätte Bert Brecht geträumt. Seine 1941 entstandene Anti-Hitler-Farce vom „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ sollte dem Emigranten im ungeliebten Amerika wenigstens die Bühnentore des Broadway öffnen. Doch dazu kam es nicht. Erst sechs Jahrzehnte später ist „Arturo Ui“ mit etwa 1,2 Millionen Dollar die bislang teuerste OffBroadway Produktion. Trotzdem: keine Werbung in den U-Bahnen, keine seitenlangen Kritiken. Die ambitionierteste Produktion dieser New Yorker Spielzeit versteckt sich noch in den Veranstaltungskalendern, weil die offizielle Pressepremiere der bereits angelaufenen Aufführung erst nächste Woche stattfindet. Nur Europas Zeitungen, die Tickets meist auf dem Schwarzmarkt (und vorab keine Fotos) erhalten, dürfen dann zumindest schwarz auf weiß berichten.

Englands schon etwas in die Jahre gekommenes Theaterwunderkind Simon McBurney, der in Deutschland zuletzt für Brechts „Kaukasischen Kreidekreis“ bejubelt wurde, hat den „Ui“ inszeniert, Al Pacino spielt die Titelrolle. Bis zum 3. November treten außerdem die Hollywoodstars John Goodman, Billy Crudup, Steve Buscemi sowie Tony Randall in der neuen Spielstätte des „National Actors Theater“ in der Pace University auf, neben Studenten in den kleineren Rollen. McBurneys Inszenierung ist die erste Kooperation zwischen dem Theater und der Pace University. Theaterleiter Tony Randall möchte den Zuschauern keine weichgespülte Broadway-Unterhaltung bieten, sondern seriöses Theater nach europäischem Vorbild. Randalls Traum: Er will „das beste Theater mit den besten Schauspielern für jeden zugänglich machen“. Dabei liegt die Bühne weit ab von den glitzernden Fassaden des Theaterdistrikts am Times Square. Drei U-Bahn-Stationen entfernt von Ground Zero gab es bisher keinen Grund, sich nach Büroschluss länger als nötig aufzuhalten. Aber jetzt sind alle Vorstellungen – trotz des stolzen Preises von 100 Dollar pro Karte – ausverkauft, dank Al Pacino. So soll das gebeutelte Lower Manhattan durch die Theaterbesucher wiederbelebt werden.

Der müde Diktator

Pacino spielt, nach 1975 in Boston, den Arturo Ui zum zweiten Mal. Unterhemd und verschlissene Hose, darüber ein abgewetzter Ledermantel: Der „größte Gangster aller Zeiten“ sieht aus wie der abgehalfterte Mafioso in „Donnie Brasco“. Die Wörter presst er aus sich heraus. Kein hechelnder Bluthund wie Martin Wuttke in Heiner Müllers Inszenirung am Berliner Ensemble, eher ein depressiver, lebensmüder Ui. Seine Komplizen Giri alias Göring (JohnGoodman) und der schmierige Blumenhändler Givola (Steve Buscemi in der Goebbels-Rolle) scheinen ebenso am Ende. Erst durch korrupte Mitglieder des Blumenkohltrusts und den bestechlichen Politiker Dogsborough (alias Hindenburg) wittern sie wieder Morgenluft.

Auf eine Leinwand im Hintergrund werden Bilder aus dem Chicago der 20er Jahre projiziert. Das Bühnenbild: ein Tisch, ein paar Stühle. McBurneys Purismus. Während er den Schauspielern vordergründig Spielraum lässt, öffnet die Inszenierung dem Publikum doch keine Denkräume. Die Bilder vom Aufstieg Hitlers werden ähnlich einer Wochenschau auf die Leinwand geworfen. Uis Scherge Roma (Chazz Palmentieri) trägt einen langen Nazi-Ledermantel und Springerstiefel. Bilder von jubelnden Menschenmassen, Hitler und Sieg-Heil-Rufe sollen auch dem letzten Unwissenden klar machen, dass diese Gaunerkomödie mehr ist als nur eine Gangstergeschichte aus Chicago.

McBurney hat Brechts Kommentar, dass die großen politischen Verbrecher lächerlich gemacht werden müssten, da sie „keine großen politischen Verbrecher“, sondern nur „die Verüber großer politischer Verbrechen“ seien, zu ernst genommen und die ohnehin farcierten Figuren bis zur Albernheit übersteigert. John Goodmans Giri/Göring gleicht einem wahnsinnig gewordenen Fred Feuerstein, Steve Buscemi gibt einen übermäßig strizzihaften Givola/Goebbels. Wenn Al Pacinos Ui bei Tony Randall, dem alten Schauspieler, Unterricht in demagogischer Gestik nimmt, erinnert die Szene an den Monty-Python-Sketch über das Ministry of Silly Walks. Und warum muss der Zeitungsverleger Dullfeet – Symbol für den österreichischen Bundeskanzler Dollfuß – auf Knien und in übergroßen Schuhen wie ein Pinguin über die Bühne watscheln? Die Slapstick-Einlagen entzaubern nicht, sie bagatellisieren den Aufstieg Hitlers. Das liberale New Yorker Publikum kann beruhigt lachen. Zwischen einem Hampelmann wie Arturo Ui und einem George W. Bush liegen Welten.

Während der bekannte Zusammenhang zwischen Hitler und Ui nochmals betont wird, fallen die aktuellen politischen Anspielungen nach einem Jahr Krieg gegen den Terror mager aus. Nur die letzte Szene weist über den Slapstick hinaus. Pacino, mit Schnauzbart, steht auf einem Gerüst. Sein Gesicht erscheint auf der Leinwand, übergroß, fratzenartig. Ui/Pacino zitiert in der Rede an sein „Volk“ den US-Präsidenten: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Ein Gemüsehändler, der die Versammlung verlassen will, wird erschossen, die amerikanische Nationalhymne ertönt und geht in die deutsche über.

Im Epilog nimmt Al Pacino dann seinen Schnäuzer ab und wendet sich direkt ans Publikum: „Wenn wir aufstehen würden und reden, würden wir nicht immer auf dem Arsch landen.“ Das Publikum aber steht auf und freut sich einfach nur, den Film-„Paten“ einmal live gesehen zu haben.

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