Kultur : Wer nicht hören kann

Silvia Hallensleben

sucht die Ränder der Wahrnehmung „Clandestini“, die Heimlichen, werden sie in Italien genannt, „sans papiers“ in Frankreich. Invisible – Illegal in Europa heißt der neue Film von Andreas Voigt, der fünf dieser für die Normalbürger Unsichtbaren vorstellt, die in Europa vorläufigen Unterschlupf gefunden haben. Die transsexuelle Edita aus Ecuador haust in einer kleine Concierge-Wohnung in Paris und empfängt ihre Freier in einem provisorischen Zelt im Stadtwald. Der algerische Ex-Offizier Zakari lebt seit zehn Jahren illegal irgendwo in Deutschland. Malika aus Tschetschenien hat mit ihrer Familie die Legalisierung geschafft und kann in Warschau eine kleine Imbissbude eröffnen. Oumar sitzt noch in der spanischen Afrika-Enklave Ceuta am Strand und ist so feurig europaversessen, dass es einem als eingesessener Europäerin ganz blümerant ums Herz werden kann. Der Film, der sieben Jahre nach Voigts „Große Weite Welt“ soeben auf dem Dokfilmfestival in Leipzig uraufgeführt wurde, kommt jetzt für vier Tage ins Babylon (Premiere am Freitag in Anwesenheit von Regisseur und Filmteam).

Auch Nicolas Philibert ist ein gestandener Dokumentarist, der mit seinem Zwergschulenepos „Etre et avoir“ auch im Kino sehr erfolgreich wurde. Schon zwölf Jahre alt und doch kein bisschen abgestanden ist seine Expedition ins Land der Stille (le pays des sourds), das so still ja gar nicht ist, wie die Hörenden oft glauben. Philibert nimmt sich auch hier die Zeit zur genauen Beobachtung – und lässt seine Helden und Heldinnen auch munter zurückschauen. Denn wer nicht hören kann, muss zwar nicht unbedingt besser fühlen, entwickelt aber ganz natürlich die anderen Sinne zu vorher ungeahnter Perfektion. So ist die Reise ins Land der Tauben auch eine Entdeckungsreise in wunderbare Wahrnehmungswelten, die manch Hörenden neidisch machen kann (Freitag bis Montag im Kreuzberger Regenbogenkino).

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