Kultur : Wer nicht leben will, muß spielen

HANS-JÖRG ROTHER

Weit genug weg von den bequemen Sesseln der Unterhaltung hat der Autorenfilm seine harten Stühle postiert.Liest man im Forum-Katalog von 1997 Mark Schillings Einführung zu Satoshi Isakas Debütfilm "(Focus)" - geschrieben wie eine Aussprachebezeichnung oder wie die Ergänzung zum fehlenden Haupttitel - wäre eher ein Essay als ein Spielfilm zu erwarten.Von den "Konflikten der japanischen Gesellschaft" bis zur "Manipulierbarkeit der Medien" ist da viel, von den Charakteren und der konkreten Geschichte kaum die Rede.Zum Glück wirkt die in 73 Minuten zusammengepreßte Handlung keineswegs blutleer.Im Gegenteil, zweimal sickert aus tödlichen Wunden das Blut.

Isaka hat ein Versuchslabor mit drei Personen eingerichtet, und die Videokamera registriert die Vorgänge darin so schnittarm wie möglich.Die drei Gestalten sind den Medien verfallen: der junge Kanemura, dessen Hobby es ist, Funksprüche zu belauschen, der raffinierte Fernsehregisseur Iwai und dessen beflissene Assistentin Yoko.Der Kameramann bleibt unsichtbar, doch wie er nicht immer geschickt an den Vorgängen zu bleiben versucht, gehört mit zum Thema.

Iwai möchte aus dem seltsamen Leben Kanemuras eine spektakuläre Story formen.Was Wunder, daß er entschlossen zugreift, als er aus Kanemuras Gerät vom Versteck einer Pistole erfährt.Der Bursche will die Hände davon lassen, der Selbstdarstellung ist er auch müde, aber sein Plaudern hat den Regisseur genug über ihn wissen lassen, um etwas Druck ausüben zu können.In der nächsten Minute geht die Pistole schon los.Einer der Typen, die plötzlich Kanemuras Wagen attackieren, bleibt tot auf dem Asphalt liegen.Mit der Pistole in der Hand ist der schüchterne Kanemura auf einmal zum Draufgänger geworden.Er zwingt Iwai, Yoko vor der Kamera zu vergewaltigen.Dann fährt er mit seinen Opfern ans Meer."Was für ein schöner Himmel", sagt Kanemura, bevor sich der zweite Schuß löst.

Satoshi Isakas Personen sind abstrakte Spielfiguren.Allen dreien ist das Leben nur soviel wert, wie es zu einer Story taugt, einer inszenierten oder einer erlauschten.Die Täter- und Opferrollen können in der Mediengesellschaft schnell wechseln, wenn nur die Stimmung gewahrt bleibt, der Langeweile des Lebens durch den Kitzel täuschend echter Bilder zu entfliehen.Dahinter steckt ein lässiger Pessimismus, der seine Folgen nicht absehen kann.

Isakas zwingend inszenierte kleine Parabel verweigert viele Zusammenhänge.Keine Biographie und kein Umfeld relativieren den entfremdeten Wahn.Doch gerade aus dieser Verkürzung erfolgt die provozierende Dichte der Etüde.Die Darsteller geben ihren Rollen mit minimalen Gesten und wenigen, aber hektischen Aktionen eine beeindruckende Plastizität.Akira Shirai als Regisseur Iwai kann hinter anfangs smarten Umgangsformen den Seelengrund eines Va-banque-Spielers bloßlegen.Tadanobu Asano offenbart die Fragilität eines Menschen, der wenigstens ein Voyeur sein möchte, wenn er sonst schon keinen Lebensinhalt sieht.Als Dritte erschafft Keiko Unno die Skizze eines Mädchens, das zwischen Stolz und Anpassung schwankt.Satoshi Isakas bemerkenswertes Debüt erscheint wie ein Fokus auf die spielverliebte und höchst zerbrechliche Gegenwart.

In Berlin im fsk Oranienplatz (OmU)

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