Kultur : Wer niemals derbleckt wird

München funzelt: Georg Ringsgwandls „Prominentenball“ am Residenztheater

Mirko Weber

Wer Hube hat, hat auch Humor, und wenn im Münchner Residenztheater der wunderbare Schauspieler Jörg Hube den, wie es heißt, „berühmten Fußballer“ Manni Deus schon wieder absurd fränkelnd auf die Arztliege fallen lässt, dann ist das natürlich bereits die halbe Miete beim Publikum. Weil Hube Hube ist, wie er singt und lacht, und Hube zudem noch den ewigen Lothar Matthäus spielt, wie er mal war, damals in den neunziger Jahren, als Matthäus nach Niederlagen dekretierte, man dürfe „den Sand nicht in den Kopf stecken“. Hier, im neuen Stück des ehemaligen Kardiologen und heutigen Kabarettisten Georg Ringsgwandl, ruft Hube als Manni Deus der Sprechstundenhilfe zu: „Bring amol zwei Bäggle Nandrolon“, und das ist schon ein kleiner Brüller, weil so viel gibt es dann doch nicht zu lachen bei der Uraufführung von „Prominentenball“.

Das theatralische München hat Erfahrung mit Stücken, in denen die Zuschauer heftig erinnert werden an Menschen, die hier täglich auf dem schönen Parkett der Stadt tanzen oder gar selber als Darsteller vorkommen. Überhaupt wird die Tradition des „Derbleckens“, will sagen: die öffentliche Vorführung bekannter Macken wohlbekannter (und meistens schlecht gelittener) Leute immer wieder mit Spannung und auch abseits vom Nockherberg verfolgt: Wer nicht derbleckt wird, hat schon auch selber schuld. Auf gehobener Ebene und absolut zum Niederknien haben das in den alten Kammerspielen an der Maximilianstraße die Biermösl Blosn und Gerhard Polt betrieben, nämlich bei „München leuchtet“ und „Tschurangrati“: Wer jemals zu den glücklichen Besitzern einer Eintrittskarte gehört hat, wird noch heute beredt Zeugnis davon ablegen können, wie es ist, wenn ein ganzer Saal sich krank und wieder gesund lacht.

Dieser therapeutische Effekt nun bleibt weitgehend aus, während Georg Ringsgwandl sich betulich unverschlüsselt mit möglichen Teilaspekten der Biografie des FC-Bayern-Arztes Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt befasst, der in „Prominentenball“ Bernhard Mayer heißt und von Ringsgwandl selbst gespielt wird: Indem er das wallende Schwarzhaar nach hinten wirft und altottohaft durch die Gegend flapst, bleibt die Figur eine feststehende Karikatur: nicht zu entwickeln. Wer Ringsgwandl-Konzerte kennt, bei denen Ringsgwandl richtig den Blues hat und rot sehen kann, dass einem ganz schwarz vor Augen wird, mag sich wundern, was allein hier schon für ein parodistischer Biedersinn auf der Bühne waltet. Zwischenvorhang auf, Zwischenvorhang zu: Die Premiere als Urabführung. Was weg ist (an Text und Musik), ist weg.

Ringsgwandls Hauptproblem scheint: Die Charaktere geben nichts her. Müller-Wohlfahrt ist in den letzten Jahren in München vor allem deswegen auffällig geworden, weil er die väterliche Hand über seine Tochter Maren halten wollte, die ihre wiederum Lothar Matthäus hatte geben wollen. Das reicht Ringsgwandl für eine (dürftige) Nebenhandlung. Ansonsten ist gerade Müller-Wohlfahrts Gattin Karin ins Gerede gekommen, weil sie in München während einer Alkoholkontrolle wahrscheinlich einer Polizistin eine gelangt hat. Das kommt bei Ringsgwandl schon deshalb nicht vor, weil es erst kürzlich passiert ist. Ringsgwandl knüpft (als seien die Ebenen nicht doch verschieden) an seine Ludwig II.-Parodie an. Sie kam Silvester 1998 heraus und trug den Untertitel „Die volle Wahrheit“. Es wurde eine herrliche historische Groteske.

„Prominentenball“ dagegen ist eine trübes neuzeitliches Gestochere, in dem der Feinkostkettenkönigssohn Michael Dachs (Robert Joseph Bartl), wiewohl dramaturgisch entbehrlich, natürlich nicht fehlen darf. In Ermangelung anderer durchschlagender Ideen avanciert zum Running Gag (leider jeweils mit Gesangseinlage verbunden) das Erscheinen der Film- und Fernsehschauspielerin Uschi Stahl. Die Rolle ist mit dem Berlin-Import Christoph Marti transvestitisch gesehen prominent besetzt, aber die (billigen) Scherze, die über Uschi Glas gemacht worden sind, werden nun nicht etwa radikal geliftet, sondern bleiben unbehandelt. Funzlige Spießerwitze – 1:1 im Programm. Man hätte Georg Ringsgwandl für feiner gehalten. Und für unfeiner. Der Rest ist Langeweile, und das Residenztheaterpublikum kichert sich auch nicht mehr als gerade mal anstandshalber durch an diesem Abend.

Der libanesische Attila Rowhani verschiebt ein bisschen Geld, Manni Deus verliert ein wenig den Verstand (oder was davon noch übrig ist), Irm Hermann spielt eine Boutiquenbesitzerin, wie man schon immer dachte, dass Irm Hermann eine Boutiquenbesitzerin spielen würde, und Georg Ringsgwandl hat anfangs ein Trikot von Borussia Dortmund, dann einen hellblauen und schließlich einen goldenen Trainingsanzug an, drauf gepappt das Emblem vom SV Werder Bremen. Man muss das nicht ernst nehmen, aber lustig wäre was anderes.

Weitere Vorstellungen: heute sowie am 24. und 29. März

0 Kommentare

Neuester Kommentar