Kultur : Wer nur Singsang aus der Synagoge hört

Der Literaturhistoriker Klaus Briegleb wirft der Gruppe 47 in einer „Streitschrift“ antisemitische Züge vor

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Der Hamburger Literaturhistoriker Klaus Briegleb war und ist zugleich Literaturpolitiker. Mit gründlichem Blick hat er immer wieder die Abgründe in deutschen Sprach- und Denkräumen ausgeleuchtet. Bekannt wurde er als engagierter Herausgeber Heinrich Heines und Kommentator des Leids der deutsch-jüdischen Kulturgeschichte. Aber schon mit dem Titel seiner Lessing-Arbeit („Zur Grundlegung kritischer Sprachdemokratie“) hatte er sich Ende der sechziger Jahre dem Programm einer politischen Philologie verpflichtet, dem er bis heute treu geblieben ist – auch nach seiner Emeritierung. In seinem jüngsten Buch „Missachtung und Tabu“ (Philo Verlag, Berlin 2003, 324 S., 24,90 €) geht es um die Auseinandersetzung mit dem deutschen Antisemitismus nach 1945, literaturpolitisch genauer gesagt, um den Tatbestand, dass ausgerechnet die Schriftsteller der Gruppe 47 sich um ihn „nicht gekümmert“ hätten.

Den allgemeinen Vorwurf des Antisemitismus gegenüber der Gruppe 47, der so alt sei wie die Gruppe selbst, wolle er „nicht wiederholen“, erklärt Briegleb im Vorwort. Was ihn interessiert, sind die Ursachen für eine „notorische Haltung der Missachtung gegen Juden und Judentum“ und die „kaltschnäuzigen Ausdrucksformen dieser Haltung“, wie sie von den „Aktivsprechern der Hitlerjugend- und Flakhelfergeneration in der Gruppe 47“ formuliert wurden. Mit präzisen Fragestellungen will er das Stereotyp beiseite schieben, durch welches das „Archiv der Selbstüberlieferung“ bisher unter Verschluss gehalten wurde.

Der Autor hat Dokumente und Analysen so montiert, dass das historisch leise geführte „Selbstgespräch“ der Wortführer der 47er – wie Hans Werner Richter, Joachim Kaiser, Martin Walser, Günter Grass, Peter Rühmkorf oder auch Heinrich Böll – laut und verständlich wird. Im Protokoll der dokumentarischen „Streitschrift“ sind aber auch – und dadurch entsteht die brisante Spannung – Zwischenrufe von Kritikern wie Marcel Reich-Ranicki und Einwände von Autoren wie Paul Celan, Peter Weiss, Erich Fried oder Hermann Kesten akribisch verzeichnet. In Brieglebs Beschreibung einer jüdischenMinderheitenrolle im Verhältnis zu einer nichtjüdischen „geschlossenen Gesellschaft“ in der deutschen Nachkriegsliteratur wird bestätigt, was auch andere Literaturhistoriker beobachtet haben.

Bestimmend für den eigentümlichen Ort „remigrierter“ jüdischer Autoren war, so Stephan Braese, „ein einziger sozialgeschichtlicher Sachverhalt: ihre Nichtteilhabe an der kollektiven Erfahrung der Deutschen zwischen 1933 und 1945 sowie deren subjektgeschichtlichen Aufzeichnung – der anderen Erinnerung“. Eine wesentliche Ursache für die Verbitterung der jüdischen „Remigranten“ war zweifellos das gespannte Verhältnis zur Gruppe 47. Auch Marcel Reich-Ranicki berichtet in seiner Autobiografie über den Anpassungsdruck auf diejenigen, die an der kollektiven Erinnerung der einstigen Wehrmachtsmitglieder nicht teilhatten. Vor allem mit dem für die ideologische Grundierung der Gruppe verantwortlichen Hans Werner Richter schien ein gemeinsamer literarischer Neuanfang unmöglich.

Da war zum Beispiel der berüchtigte Konflikt mit Paul Celan, der nur einmal (1952) auf einer Tagung der Gruppe 47 gelesen hat und den Vorgang als „Katastrophe“ empfand. Skandalös war in der Tat das grob abfällige Urteil Richters, Celan habe mit „einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge“. Bevor Adorno seinen problematischen Satz über „barbarische“ Gedichte nach Auschwitz korrigierend erläutern konnte, hat man ihn offensichtlich genüsslich missverstanden. Ob nun die Einwände ästhetisch berechtigt waren oder nicht – sie konnten nicht verhindern, dass die „Todesfuge“ mit ihrer suggestiven Musikalität und poetischen Radikalität im Urteil des internationalen Publikums zu dem wohl berühmtesten literarischen Werk über die Shoah geworden ist. Für den deutschen Literaturbetrieb jedoch blieb Celan in den fünfziger und frühen sechziger Jahren von marginaler Bedeutung. Briegleb spricht in diesem Kontext vom „antijüdisch Unbewussten“ in der Gruppe 47, vom „wahnhaften Begehren, eine heile nationale Gefühls-Identität in der deutschen Literatur gegen Juden und Judentum zu verteidigen“.

Mit dieser Zuspitzung scheint Brieglebs „Streitschrift“ ein Tabu gebrochen zu haben, wie die Empörungsreflexe nahe legen. Noch bevor das Buch auf dem Markt war, erregte sich Dorothea Dieckmann in der „Zeit“ über „den penetranten Urteilsjargon permanent wertender moralischer Subjektivität“, und in der „Frankfurter Rundschau“ konnte sich Frauke Meyer-Gosau den „Furor“ einer „raumzeitlichen Entgrenzung“ des Autors nur durch einen „Geschichtsverblendungszusammenhang“ erklären.

Man muss Brieglebs Kritikern zugestehen, mit einem ungewöhnlichen Text konfrontiert zu sein. Allein der archaische Begriff „Streitschrift“ passt nicht mehr in das Diskursmilieu unserer Tage. Er wirkt wie ein Relikt aus jenen Zeiten, in denen sich Lessing mit dem Hauptpastor Goeze fetzte oder Heinrich Heine seinen Zeit- und Streitgenossen Ludwig Börne bis aufs Blut reizte. Und es ist zugegebenerweise nicht immer leicht, dem Autor durch sein Montage-Labyrinth von dokumentierenden und erörternden Textstücken zu folgen, die durch Zwischenrufe, Einwürfe und „Fenster“ unterbrochen, aber nicht gegliedert werden. Eine „Streitschrift“ war ursprünglich nicht geplant.

Zu Grunde liegen drei ältere wissenschaftliche Studien zum Komplex der Gruppe 47, deren Bearbeitung bereits vor 1988 begann, die aber erst jetzt, im Zusammenhang mit der Debatte um das Holocaust-Mahnmal und die Auseinandersetzungen um Äußerungen vor allem von Martin Walser und Günter Grass „eine so nicht erwartete literar-historische Rechtfertigung“ für das Buch lieferten. Im Dichterbund von Walser und Grass sieht Briegleb das alte paradoxe Literaturgefühl der Gruppe 47 nach wie vor lebendig: die Hoffnung , dem Ende einer Geschichte entronnen zu sein, die man zugleich verdrängt.

Der Grass-Kommentar zu Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ lautet: „Keine Zeile antisemitisch“. Für Briegleb ist das der Reflex der 47er, „eingenebelt in Selbstbezogenheit und verstellt von Geschichtsklitterei, eingebettet in eine Huldigung des Jahrgangs 1927, dem beide Freunde, Walser und Grass angehören“. Auch die Kritiker-Kollegen aus der Gruppe seien zur Verteidigung des Buches gegen den Antisemitismus-Vorwurf sogleich zur Stelle gewesen, „nehmen dieses Niveau dankbar an- und stellen keine Fragen“; weder Fritz. J. Raddatz im Verriss („Keine einzige Zeile gehört in die Rubrik ,Literatur’. Keine einzige Zeile gehört in die Rubrik ,Antisemitismus’“) noch Joachim Kaiser in seiner Begeisterung („Man kann immer nur blinde oder überscharfsichtige Wut aus manchen Worten herauslesen. Doch keinerlei Antisemitismus“).

Man muss die radikale Schlussfolgerung Brieglebs und die Gnadenlosigkeit seines Verdikts nicht teilen – wohl aber seine Betroffenheit über die altneue Kaltschnäuzigkeit, mit der zum Beispiel der israelische Autor Yoram Kaniuk in einem öffentlichen „Gespräch“ über den Golf-Krieg von Grass abgekanzelt wurde. In seinem Buch „Der letzte Berliner“ berichtet Kaniuk selbst, was ihm über die Jahre an Ignoranz und mangelnder Sensibilität in diesem Land begegnet ist.

Das Gespräch mit Grass im Jahre 1991 war eines seiner „finstersten Erlebnisse“. Man kann nicht behaupten, dass die Verteidigung einer „heilen, nationalen Gefühlsidentität“ in der deutschen Literatur und Gesellschaft gegen Juden und Judentum seitdem sensibler geworden ist. Vielleicht ist das eine notwendige Folge der Normalitätssehnsucht der jüngeren Generation und hat nichts mit der Gruppe 47 zu tun. Wenn Klaus Briegleb sich irren sollte, dann möge wenigstens Yoram Kaniuk Recht behalten: „Jeder Deutsche ist die Antwort auf die ungestellte Frage jedes Juden und umgekehrt. Zusammen bilden wir ein Rätsel, das in einem anderen Rätsel verborgen ist, das sich wiederum hinter einem dritten Rätsel verbirgt, und diese Hassliebe wird am Ende die Wunden heilen.“

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