Kultur : Wer Ohren hat, der höre

KLASSIK

Joscha Schaback

Es ist nicht leicht, zur Grippezeit das Publikum der Berliner Philharmonie in den Bann zu ziehen. Keuchender und rasselnder Husten macht den Philharmonikern unter der Leitung von Mariss Jansons zu Beginn des Konzerts erhebliche Konkurrenz. Doch Jansons antwortet mit einer derart frischen Interpretation von Carl Maria von Webers „Euryanthe“-Ouvertüre, dass man prompt von allen irdischen Gebrechen genesen möchte. Sollte dieses bald feurige, bald herrlich gruselige Stück wirklich in der Mottenkiste verschmachten? Das lautstarke Räuspern der Berliner könnte auch „Ja“ bedeuten. Das kontert Jansons mit Schumanns Klavierkonzert. An seiner Seite hat er den ausgezeichneten Pianisten Leif Ove Andsnes: Der Norweger spielt so zurückhaltend und man möchte sagen: gesund, wie man dieses für pathologische Säuseligkeit so anfällige Stück je kaum gehört hat.

Den letzten Huster allerdings bringt Jansons erst durch Schostakowitschs 5. Symphonie zum Schweigen. Mit viel Gespür für die dramatischen Gegensätze lässt Jansons das Werk entstehen: Motiviert folgt das Tutti dem Dirigenten, um auch die scheinbar entlegenste Klangfarbe herzustellen. Und die Bläsersolisten der Philharmoniker glänzen mit hinreißenden Soli. Im Blech wird hörbar, dass Schostakowitschs verschlüsseltes Antwort auf den Terror der späten 30er Jahre den kommenden Krieg vorwegnahm. Und so endet der Abend in einem aktuellen Zeichen der Warnung. Das gar nicht mehr krank wirkende Publikum beschließt ihn mit Bravos und Standing Ovations für den Dirigenten.

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