Kultur : Wer schmeißt denn da mit Koks?

Johanna Adorjan

Der Ausstand der Massen am Staatstheater KasselJohanna Adorjan

Auf der Bühne sitzt ein junger Mann im schwarzen Anzug. Auf einem Ledersessel. Während er Kokain in sich hineinzieht, denkt er laut vor sich hin. "Unsere Generation muss keinen Krieg mehr führen", sagt er. "Es gibt keine Herausforderung... und deswegen nur Projekte... und Hobbies..." Die dumpfen Technobeats, die im Hintergrund zu hören sind, scheinen seine Stimmung noch zu trüben. "Mir ist langweilig." Mit diesem Satz endet ein Stück, das im Hinterzimmer eines Techno-Clubs spielt und die Ernüchterung einer Generation beschreibt, die den Höhepunkt ihres Lebens bereits überschritten hat.

Wenn ein deutsches Staatstheater den Versuch unternimmt, sich mit der größten Jugendbewegung der letzten Jahre, der Technokultur, auseinanderzusetzen, dann wagt es sich in unwägbare Gefilde vor.. Fünf bis sechs Jahre sind seit dem Höhepunkt der Technobewegung vergangen, die Anfang der neunziger Jahre entstand. Zunächst als tumber Massenbeat verlacht, ist aus Techno längst ein Phänomen der Hochkultur geworden. Sie hat Mode gemacht, ist zum Gegenstand von Filmen, Romanen und kulturhistorischen Seminaren geworden. Doch erst jetzt steht dieses Thema zum allerersten Mal auf einem deutschen Spielplan: In Kassel hatte das Techno-Theater-Event "Rave. Ecstasy. Pop!" Premiere.

Warum hat das so lang gedauert? Ein Grund mag sein, dass Techno selbst eine Form von Theater ist. Die Tanzfläche lässt sich mit einer Bühne vergleichen, der DJ mit einem Regisseur, und mitspielen kann jeder, der Lust dazu hat. Doch im Gegensatz zu einer Theaterinszenierung ist die Wirkung einer durchtanzten Techno-Nacht auf den Körper verheerend sinnlich - mit den Mitteln des Theaters ist ihr nicht beizukommen. Wie soll einem bequem im Zuschauerraum sitzenden Publikum begreifbar gemacht werden, in welchen Rausch sich Tänzer, DJs und Clubbesitzer steigern können? Wie soll man die Lautstärke der Musik, die Effekte des Lichts, den monotonen Rhythmus, wie soll man den Sog einer Menschenmasse, die Wirkung von Drogen in eine Bühnensprache übersetzen?

In Kassel unternahm man klugerweise gar nicht erst den Versuch. Natürlich, ohne Musik wäre es nicht gegangen. Doch wurde sie zu einem Soundtrack abgemildert. Hier stand nicht der DJ im Mittelpunkt, sondern eine andere Schlüsselfigur der Techno-Bewegung: Jürgen Laarmann hatte sein erstes Theaterstück geschrieben. Laarmann, 32, war einmal so etwas wie der Vorstandsvorsitzende des Vereins Techno. Er gab das Szene-Magazin "Frontpage" heraus, war Mitveranstalter der Love Parade, konzipierte den Massenrave Mayday. Als die Technobewegung stagnierte, ging seine Firma bankrott, er tauchte in Spanien unter und war so gut wie vergessen. Mit seinem Theaterstück versucht er sich nun zurückzumelden: "Canossa Club" ist ein Auftragswerk, das Staatstheater Kassel hat es eigens für diese Veranstaltung bei ihm bestellt.

Vor Vorstellungsbeginn ähnelt das Theater-Foyer einem Technoclub, der noch nicht geöffnet hat. Ehemalige Frontpage-Redakteure sind gekommen, ein paar Laarmann-Freunde, Nachtlebenprofis aus Kassel und Umgebung. Keiner der Anwesenden muss sich erklären lassen, was Techno ist. Das Experiment, Techno einem Theaterpublikum nahezubringen, ist hiermit missglückt. Also Umdenken: Ob sich einem Technopublikum das Theater näherbringen lässt?

"Canossa Club" spielt im Backstagebereich eines Technoclubs Anfang der Neunziger, einem Ort, "den Viele zu betreten hofften, aber nur wenige tatsächlich erreichten", wie das Stück vollmundig erklärt. Dorthin ziehen sich drei V.I.P.-Raver jedes Wochenende zurück, um zu koksen und drauflos zuplappern. Im ersten Teil sorgt eine mysteriöse Super-Lesbe vorübergehend mit der Bemerkung für Aufregung , einen Kokainrest aus dem Privatbesitz Adolf Hitlers liefern zu können. Die zweite Hälfte des Stücks widmet sich dann weitgehend der Problematik, ein bereits gebuchtes Hotelzimmer telefonisch wieder abzubestellen. Besonders spannend ist das nicht, auch erschöpfen sich Drogenwitze schon nach sehr bald. Viel bedauernswerter aber ist das Fehlen jeglicher Reflektion. Laarmann, der sein Stück ganz unbescheiden als "Disko-Warten-auf-Godot" oder "Glam-Houellebecq" verstanden wissen will, erzählt einfach, wie es offenbar wirklich war, als er noch selbst im Backstagebereich der Clubs Hof hielt wie ein gnädiger Patriarch.

Wer "Canossa Club" sieht, erfährt nichts über Techno. Dafür mehr, als ihn interessieren dürfte, über den Autor, der seiner eigenen V.I.P.-Raver-Zeit nachtrauert und darüber vergisst, dass Drogengespräche auf nüchterne Menschen eine eher einschläfernde Wirkung haben.

Deutlich mehr Dramatik war offenbar hinter den Kulissen geboten. Wegen "unüberbrückbaren Differenzen" mit der Intendanz warf der ursprünglich vorgesehene Regisseur Rolf Peter Kahl eine Woche vor der Premiere das Handtuch. So wirkte die Inszenierung denn auch seltsam unausgewogen. Für Heiterkeit sorgte beim Publikum immerhin der Regieeinfall, den exzessiven Kokainkonsum theatralisch zu überhöhen: Auf der Bühne wurde mit weißem Pulver nur so um sich geworfen, zuletzt sah der Bühnenboden aus wie von Neuschnee bedeckt. Und als eine der Hauptfiguren im Schlussmonolog vor sich hinsinniert, "Ja bin ich jetzt hier der einzig koksabhängige Irre?", erklärte sich wenigstens ein Zuschauer solidarisch: "Nein!" Dennoch standen alle nach der Uraufführung ratlos im Foyer zusammen. Schade, dass Sven Väth nicht live dazu aufgelegt hat, meinte einer. Väth, Deutschlands erfolgreichster DJ, sollte noch auflegen, später im Stammheim, Kassels bekanntem Technoclub, und da die Theaterkarten auch dort zum Eintritt berechtigten, würde die Veranstaltung immerhin in einem "echten" Techno-Club ausklingen.

Zuvor allerdings wurde die Geduld der "konzentrationsschwachen MTV-Generation" (Programmheft) noch ein wenig strapaziert. An verschiedenen Orten im Theater wurden zeitgleich drei Stücke aufgeführt: Eine moderne Interpretation von Lessings "Miss Sara Sampson"; "Pop!", ein im rechtsradikalen Milieu angesiedeltes Stück des kürzlich verstorbenen österreichischen Autors Georg Timber-Trattnig; und Falk Richters "Gott ist ein DJ", das vor einem Jahr in Mainz uraufgeführt wurde. Letzteres ist ein Zwei-Personenstück, das sich gut fürs Radio eignen würde, für die Bühne aber schlichtweg nichts taugt. Es geht darin um ein junges Paar, das sein Leben als Dauerperformance vor der Kamera inszeniert. Gewiss, das Thema ist aktuell, doch: Selbst bei "Big Brother" passiert mehr. In "Gott ist ein DJ" wird nur geredet. Über Gott und die DJs, die Welt und das Fernsehen, Kindesmisshandlung und Kinderkriegen. . Was das Ganze mit Techno zu tun haben sollte, wurde auch nicht ersichtlich.

Der Fahrer des bereitgestellten Shuttle-Busses, der das Publikum zu Sven Väth ins Stammheim fahren sollte, hatte große Mühe, mehr als drei Ausgehwillige zusammenzubekommen. Wer den Weg auf sich nahm, wer sich durch die Warteschlange vor der Tür quälte, der konnte sehen, was für die Bühne zwar versprochen, aber nicht eingehalten worden war. Da wurde getanzt, geschwitzt und jede neue Platte wie die Ankunft eines Messias gefeiert, wie ein Jahrtausendwechsel: Rave. Ecstasy. Pop! Vielleicht also war für das Projekt der falsche Titel gewählt worden. "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!" hätte es eher getroffen.

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