Kultur : Wer Schmetterlinge lachen hört

Krautrock lebt: Die klassischen Alben des legendären Labels „Brain“ werden wieder veröffentlicht

Christian schröder

Wo die Kunst aufhört, waltet die Natur. Aus einer unendlich sanft vor sich hinfließenden Synthesizermelodie, verwischten Pianoklängen und hell perlenden E-Gitarren-Akkorden erhebt sich ein Schnarren, Gurren, Quaken. So endet das Album „Deluxe“ der Drei-Mann-Band Harmonia, ein legendäres Stück deutscher Popgeschichte: mit einem Froschkonzert. Das Stück heißt „Kekse“, man könnte es für eine ins Sphärische driftende Drogenfantasie halten. Doch die vermeintliche Spielerei folgt einer strengen Konzeptidee. Die Platte wurde im „Alten Weserhof“ eingespielt, einem Fachwerkgehöft, das in niedersächsischer Wald- und Wiesen-Abgeschiedenheit liegt. Der Hof grenzt an die Weser, eines Abends war der Produzent Conny Plank mit seinem Kunstkopf-Mikrofon zum Fluss gezogen, an den sich Kiesseen anschlossen. „Es ging um eigenartige Klänge“, erinnert sich Gitarrist Michael Rother. „Klanglich ist so ein Froschkonzert ein höchst interessantes Gebilde.“

Eigenartige Klänge: ein Terminus, den die deutschen Pop-Pioniere als Auszeichnung empfanden. Sie wollten anders klingen als die Bands aus England und Amerika, deshalb stöpselten sie ihre Gitarren in die Verstärker, jagten sie durch Verzerrer, Filter, Echogeräte und begannen, mittels der merkwürdigsten elektronischen Geräte Töne zu erzeugen. Anfangs firmierten ihre Platten unter „Kosmische Musik“, dann fand sich ein prägnanteres Wort: „Krautrock“. Der Begriff geht auf die Münchener Kommune-Band Amon Düül zurück, die 1969 einem Jamsession-Stück den Titel „Mama Düül And Her Sauerkrautband Start Up!“ gab.

Krautrock, schon lautmalerisch schwang darin das Verquere und Eckige dieser Musik mit. Es war die selbstironische Umcodierung eines Schimpfworts. Im Zweiten Weltkrieg hatten die alliierten Soldaten ihre Gegner „Krauts“ genannt. Vom teutonischen Pop ihrer Nachkommen war man in England und Amerika bald begeistert. Bis heute hält der internationale Erfolg des Krautrocks an. Kraftwerk aus Düsseldorf gelten als Superstars, seitdem ihr Album „Autobahn“ 1975 den fünften Platz der US-Billboard-Charts erreichte. Die Berliner Elektronik-Formation Tangerine Dream, inzwischen das Einmann-Projekt von Edgar Froese, brachte es auf sieben Grammy-Nominierungen. Faust aus Hamburg, deren Spektrum von feierlich waberndem Folk-Minimalismus bis zu ungestümen Feedback-Orgien reicht, werden in Japan kultisch verehrt.

Harmonia, Faust, Cluster, Guru Guru oder Embryo können jetzt wieder entdeckt werden: Sieben klassische Krautrockalben erscheinen teilweise erstmals auf CD (Universal). Ihre Wiederveröffentlichung knüpft an den Erfolg von zwölf Platten des Labels Brain an, die im letzten Jahr herausgekommen waren. Brain wurde 1972 als Tochter der Hamburger Plattenfirma Metronome gegründet, damals begann die kommerzielle Verwertung des deutschen Pop. „Wir wollten keinen Teeniepop, unsere Platten sollten intelligent klingen, Brain haben“, erzählt Label-Mitgründer Günther Körber. Erste Brain-Veröffentlichung war „Lonesome Crow“, das – ebenfalls nun wieder zu habende – Debüt der Scorpions, auf dem die späteren Hardrock-Weltstars aus Hannover vertrackte Klanggemälde mit viel Hall unterlegten.

„Man kann sich kaum größere Unterschiede vorstellen als zwischen den Scorpions und Harmonia“, sagt Michael Rother. Brain war lange Zeit das erfolgreichste deutsche Plattenlabel, bis nach der Neuen Deutschen Welle Mitte der Achtzigerjahre das Aus kam. Etwa vierzig Bands standen bei der Firma unter Vertrag, sie zerfielen in zwei Lager. Neu!, Cluster, Faust oder Yatha Sidhra bildeten die elektronisch-akustische Avantgarde. Der Neutöner Karlheinz Stockhausen mit seinem Credo „Alle Klänge und Geräusche sind Musik“ war ihr Pate. Gruppen wie Jane und die Scorpions oder der Grobschnitt-Schlagzeuger Eroc setzten hingegen auf Blues-Schemata und Progressive Rock der herkömmlichen Art. Novalis aus Hamburg versuchten, mit grellbunt blühender Lyrik an den Überschwang der Romantik anzuschließen: „Wer Schmetterlinge lachen hört / Der weiß, wie Wolken schmecken.“

„Der Begriff Solo wurde abgeschafft, ich habe seit 35 Jahren kein Gitarrensolo mehr gespielt“, erklärt Rother. Kein Musiker sollte sich in den Vordergrund spielen können, angestrebt war – so Rother – „völlige Gleichberechtigung“. Der Gitarrist hatte kurze Zeit zu Kraftwerk gehört und dann Neu! gegründet. Nach drei gefeierten Neu!-LPs formierte er 1973 mit Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius von Cluster eine Art Krautrock-Supergroup: Harmonia. Man wollte weg vom englischen Beat, deshalb wurde auf einen Schlagzeuger verzichtet und stattdessen eine Drum Machine des italienischen Herstellers Farfisa angeschafft, wie sie bis dahin Alleinunterhalter in der Tanzmusik benutzt hatten.

Ziel war es, so Rother, „zu neuen Ergebnissen zu gelangen“. 1976 kam Brian Eno an die Weser, um mit der Band im Harmonia-Studio aufzunehmen. Die Sessions erschienen erst 1997, lange nachdem sich die Musiker anderen Projekten zugewandt hatten. Julian Cope, Sänger der britischen Band The Teardrop Explodes, schwärmt in seinem Standardwerk „Krautrock Sampler“ (deutsch im Verlag Der Grüne Zweig, Löhrbach) über die erste Harmonia-Platte: „Wie eine himmlische Musik, die nur vorübergehend in der wirklichen Welt erklingt.“

Krautrock lebt. Michael Rother hat sich mit seinem Kompagnon Dieter Moebis wieder zusammengetan, kürzlich spielten sie beim Ether-Festival in London. Zuletzt erschien eine wunderbare Ambient-CD von Rother: „Remember the Great Adventure“ (Random Records/wea) . Prominentester Mitstreiter: Herbert Grönemeyer. Er singt „Energy it up“.

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