Kultur : Wer schreibt, war wirklich auf der Welt

Poesie des Authentischen: Die Berliner Staatsbibliothek zeigt ihre einzigartige Autografensammlung

Thomas Lackmann

Im Sturzflug durch Spam- und SMS-Galaxien, durch Kometenschwärme von Monitoren, zerfressenen Festplatten, verstopften Druckern, verschmierten Scannern, klackenden Keyboards und ratternden Schreibmaschinen rast unser Zeit- & Weltreisen-Shuttle. Hinter uns: die Materialhalde der Kommunikationsapparate. Vor uns, zur Besichtigung: der antike Kosmos der Autografen. Es gab mal eine Epoche, referiert unser Galaxien-Sightseeing-Guide, in der intelligente Wesen ihren Körper als Werkzeug nutzten, um ein Vermächtnis zu hinterlassen. Sehen Sie, da – ein Gedicht! „Was ist wohl das, was wir Poesie nennen? / Ein getäuschter Traum, nun das Unendliche / Das Einzelne, des Ganzen Harmonie, / Was wir mit einem kleinen Wort aussprechen, unser Leben, ja ich und du – kurz wir Alle – das / Ist Poesie.“

Hans Christian Andersens Manuskript „Hvad er det vel vi kalde Poesie?“ sieht man nicht an, wie die Verse entstanden sind: an einem Abend anno 1831, als der 26Jährige auf Berlinbesuch die Frau eines berühmten Gynäkologen mit improvisierten Reimen beeindruckte. Es verrät auch nicht die Besitzergeschichte des Autografs, das durch die mit Rudolf Virchow verheiratete Tochter der Gynäkologengattin an deren Sohn Hans und durch diesen an den Sammler Ludwig Darmstaedter gelangte. Aber irgendetwas erzählt die Handschrift. Falls unsere Welt zu verstehen wäre als Summe ihrer Zeichen, als poetische Giga-Enzyklopädie, gehören Autografensammler zu ihren verrücktesten Ordnern und Deutern. Und die größte Autografensammlung liegt in der Berliner Staatsbibliothek, die ab Donnerstag eine große Auswahl davon zeigt.

Wenn Herzschläge und Schrittmacher der Geschichte im Zufalls-Zoom unterschiedlichster Schriftstücke die Menschheitsstory umfassend abzubilden scheinen, hat ein Schöpfer das Sammelsurium zur Schatzkammer strukturiert. 60 Papiere historischer Prominenter haben die Ausstellungsmacher ausgewählt. Wenige pointieren „Sternstunden der Menschheit“, eher illustrieren sie Kontext: den Tag davor, die Jahre dazwischen.

Den unauffälligen Moment – und Erinnerungen: an einen Globus der weißen Flecken. Pfarrer Forster will weg aus dem Kaff Nassenhuben, lehnt aber ein Pfarrstellenangebot aus Amerika ab; schließlich wird er mit seinem Sohn Georg, dem späteren Revolutionär, James Cooks Südseereise Nr. 2 begleiten. Heinrich Schliemann besteht im Brief an eine Zeitschrift darauf, das wahre Troja gefunden zu haben. Alexander von Humboldt zeichnet auf dem Orinoco ein Cacajao-Äffchen, Adelbert von Chamisso – zurück aus Alaska – Walmodelle von den Aleuten.

Erinnerungen: an Geheimnisse der Natur. Johannes Kepler verteidigt seine Planetenbahnberechung, mahnt seinen Brotgeber, das Honorar zu schicken; schließlich muss er, unvergütet, nach Regensburg ziehen, wo seine Mutter als Hexe verfolgt wird. Der italienische Arzt Galvani zeichnet um 1790 seinen elektrisierenden Froschschenkelversuch. Graf von Volta, der Batterie-Erfinder, führt Galvanis Versuchs-Spannung auf Metallunterschiede zurück und erläutert 1794 einem Kollegen die eigenen Kondensator-Experimente. Der Physiologe Emile Du Bois-Reymond, ein Grundleger der modernen medizinischen Forschung, skizziert 1841 so gekonnt, als habe Großvater Daniel Chodowiecki ihm beigestanden, eigene Versuche zur „Froschstrom“-Analyse, für die ihm Berliner Straßenjungen Modelle aus der Panke liefern.

Der Chemiker und Philantroph, dessen Sammlerlust all diese Schnappschüsse ordnend zur Erzählung komponierte, kam 1846 zur Welt. Ludwig Darmstaedter wird Unternehmer, eine kosmetisch-pharmazeutische Fabrik baut er in Moabit. Mit 60 widmet er sich Hobbys und Ehrenämtern. Als Alpinist sammelt er Gipfelbesteigungen, als Porzellan-Spezi über 600 seltene Stücke. Bei den Autografen konzentriert er sich zunächst auf Berühmtheiten, ab 1897 auf Naturwissenschaften. 1907 vermacht er der Königlichen Bibliothek seine 9000 Namen und 23 000 Stücke umfassende Sammlung. Ab 1909 erweitert er das Spektrum um „Erfindungen, die sich auf Ordnung, Bequemlichkeit und Annehmlichkeit des Lebens beziehen“ – Buchdruck, Lotterie, Musik, Verkehr. Auch Nachlässe wie der Alexander von Humboldts finden Platz in der Sammlung. Durch die Inflation verliert er sein Vermögen. Kurz vor seinem Tod 1927 umfasst Darmstaedters Sammlung 190 000 Stücke/ 45 000 Namen. Bis 1943 wächst sie auf über 250 000 Dokumente, heute sind es 280 000.

Dass Berlins Staatsbibliothek mit Schätzen, von denen bisher nur Fachleute wussten, das Publikum faszinieren will, gehört zum Wettbewerbsgeschäft. Zwei ebenfalls grandiose Handschriftensammlungen der Preußischen Staatsbibliothek, „Autographa“ (220 000 Stücke) und die Sammlung Varnhagen (100 000 Stücke) befinden sich weltkriegsbedingt in Krakau. Von Darmstaedters Sammlung, deren Spezifikum im Reichtum ihrer Inhalte, in ihrer Qualität und in der Verarbeitung ganzer Nachlässe besteht, wurden 40 Prozent digitalisiert. Dadurch entschärft sich die Standortfrage; andererseits, sagt die Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempff, zähle immer wieder der „Zauber des Originals“. Zudem werbe die Stabi um Aufmerksamkeit, „dass wir das überhaupt haben!“

Der Speicher mahnt: Vergiss mich nicht. Die Postillen erinnern – an sich selbst. An eine Zeit, als politische Image-Profis anders oder ähnlich agierten wie heute. Napoleon sendet seinem Minister Talleyrand die Orden des bei Saalfeld gefallenen Prinzen Louis Ferdinand, nennt Preußens Generäle „große Dummköpfe“ und schickt sich an, bei Jena und Auerstädt zu siegen. Ferdinand Lassalle inszeniert vor Berliner Fans seinen Flirt mit einer 17-Jährigen. Das Motto Wilhelms II., „Gott mit uns“, kommentiert das Schriftstück nebenan, die höfische Speisekarte vom 8. März 1902. Rosa Luxemburg schreibt 1915 einem Anwalt, man müsse die Verzweiflung parieren und, was kommt, „heiter nehmen“. Karl Liebknecht schildert seiner Frau die geräumige Zuchthauszelle – „Ich bin ganz wohl; keine Gedanken um mich!“ – und notiert verdeckte politische Hinweise.

Sturzflüge ins Dasein: Für nachgeborene Oberflächen-Surfer und Reproduktions-Rezipienten offenbaren Nahaufnahmen eigenhändiger Selbstmitteilung, vielleicht, das Rätsel einer Persönlichkeit. Gelingt es den Ausstellungsmachern, die Poesie des Authentischen sinnlich vorzuführen, dürfen wir staunen. Wer das schreibt, war wirklich auf der Welt.

Eröffnung, Donnerstag, 21.2, 18 Uhr, Otto-Braun-Saal, Staatsbibliothek, Potsdamer Str. 33, bis 12.4., Mo-Sa, 11-19 Uhr.

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