Kultur : Wer singt, prügelt nicht

Jugendarbeit hat Prestige: Wie Berliner Orchester und Opernhäuser den hohen Wert der Klassik an Kinder weitergeben

Cristiane Tewinkel

Könnte sein. Vielleicht. Dass Berliner Jugendliche am Ende doch mehr sind als halbwüchsige Frustrationsbomben, wandelnde Terrorzonen, zukunfts- und perspektivlose Aliens, die ihre Lehrer verprügeln und auf dem Pausenhof Mitschüler abziehen. Einige von ihnen, genauer gesagt ziemlich viele, sind nämlich dieser Tage mit ganz anderem beschäftigt. Musik zum Beispiel, die so alt ist, dass man sie „klassisch“ nennt. In diesem Sinne taugt Berlins Jugend nicht nur für Horrorszenarien, sondern als Vorbild. Überall in der Stadt wird derzeit getrommelt, getanzt und musiziert, allerorts entstehen Jugendprojekte, die Kunst und Musik dorthin bringen, wo sie von Anfang an hingehören. Unters Volk. Nicht als Konzerthaus- spektakel, sondern als Teil des Alltags.

Das neue Education-Projekt der Philharmoniker ist so ein Fall mit seiner Aufführung von Carl Orffs pseudomittelalterlichem Hit und Publikumsmagneten „Carmina Burana“. Über fünfhundert Jugendliche sind diesmal beteiligt. „Rhythm Is It“-Choreograf Royston Maldoom lässt zweihundert Schüler und Senioren tanzen, Simon Halsey, der Leiter des Rundfunkchores Berlin, dirigiert gleich mehrere Schulchöre. Cathy Milliken, die Leiterin der Educationabteilung, geht mit dem amerikanischen Stimmkünstler David Moss in Schulen wie die Bröndby-Oberschule in Steglitz-Zehlendorf, um dort Vokalimprovisationen einzustudieren.

Harte Alltagsarbeit, der Gang der Kunst in ein ganz normales Unterrichtszimmer. Halb zwei mittags an einem gewöhnlichen Dienstag: Mit elf Schülern und Schülerinnen der Jahrgangsstufen acht bis dreizehn sitzen Moss und Milliken zusammen und versuchen sich an den Worten zu Orffs Eingangschor „O Fortuna“. Milliken muntert auf, Moss brummt und experimentiert. Die Schüler aber rezitieren, raunen, plappern, lassen die Stimme überschlagen. „Diese Stelle finde ich zu albern“, meint ein Mädchen. „Okay, mach einen Vorschlag“, sagt Moss. Es sei nicht einfach gewesen, so Musiklehrer Wolfgang Blech, aus den Schulchormitgliedern die Mutigsten, Zuverlässigsten und Stimmbegabtesten auszuwählen. Schließlich werden sie, wenn die Carmina in der Arena Treptow aufgeführt werden, selbstbewusst vor Publikum improvisieren müssen.

Ortstermin in einem anderen Probenraum, der Komischen Oper. Eine der letzten Durchlaufproben für die „Hip H’Opera – Così fan tutti“. Auf der Bühne, ganz in schwarz, vierzig junge Sänger und Tänzer aus allen Berliner Bezirken, die eigens gecastet wurden und seit acht Monaten mit der Choreografin Nadja Raszewski gearbeitet haben. In der Luft eine kuriose Mischung aus Scratch und Streich, Mozart und Hip-Hop, hartem Sprechgesang und Arienschmuck. Nahtlose Übergänge vom lieblichen Orchesterklang in das Wummern eines Elektrobeats. „Ach, ihr Weiber“, rappt der Berliner Hip-Hopper FlowinImmO mit angenehmem Reibeisentimbre, „ach, ihr Weiber!“

Warum nicht? In Mozarts Oper geht es schließlich um Überallverständliches: Liebe und Eifersucht, Loyalität und Betrug, Respekt und Manipulation. Die Idee zum clash der Musikkulturen kam von dem Musikpädagogen Markus Kosuch, der seinerzeit am Aufbau der überaus erfolgreichen Jungen Oper des Staatstheaters Stuttgart beteiligt war. Mit seiner Berliner Kollegin Anne-Kathrin Ostrop hat er sich nun aufgemacht, drei ganz normale Opernsänger mit drei Hip-Hoppern zusammenzubringen, ihnen nicht nur die Tanzgruppe, sondern auch einen DJ zur Seite zu stellen sowie ein ganzes Jugendorchester. Ein lustiges, ambitioniertes Projekt, hochprofessionell betreut.

Aber dann gibt es auch den Musikkindergarten Daniel Barenboims. Im vergangenen September in Schöneberg gegründet, verdankt er sich der Idee eines Mannes, der oft und gern von einer durch und durch musikalisierten Kindheit erzählt. Die Barenboims waren Klavierlehrer, und die dauernde Beschallung mit dem abendländischen Kunstmusik-Erbe gehörte zum Alltag des Künstlers schon als ganz junger Knabe.

Darum geht es. In Schöneberg – große Fenster, blaumelierter Teppich, Saiteninstrumente an der Wand – sitzt an diesem Mittwochmorgen ein gutes Dutzend Kinder still aufgereiht vor der Rückseite eines Klaviers, schön anzusehen wie eine Blumenrabatte. Und lauscht. Heute sind einige Sängerinnen und Sänger von der Staatsoper gekommen. Sie stehen im Halbkreis da und singen klirrende Auszüge aus Donizettis „Liebestrank“, der im April Premiere hat. Demnächst werden die 21 Kinder mit ihren drei Erzieherinnen die Sänger wiedersehen, bei einem Probenbesuch in der Staatsoper.

Über das pädagogische Ziel, Dreijährige an Werke heranzuführen, die selbst Ausgewachsenen Kopfzerbrechen bereiten, ließe sich zwar streiten. Aber der Wunsch des Hauses Unter den Linden, das Tagesgeschehen im Kindergarten am Alltag des Opernbetriebs auszurichten, birgt Reize. Denn erstens bietet eine Geschichte wie der „Liebestrank“ Impulse für die pädagogische Arbeit. Sie hätten zusammen Getränke gemixt, erzählt eine Erzieherin. Über Verliebtheit gesprochen oder ein Marktplatztreiben nachgespielt. Und zweitens bleibt die ideelle und faktische Unterstützung durch die Staatsoper unbezahlbar. Einmal in der Woche besuchen Musiker und Musikerinnen die Kinder im Rahmen des halbstündigen Morgenkreises, zeigen, spielen vor und bauen Instrumente.

Dabei wird in diesem Kindergarten, auf den keineswegs nur Musikersprösslinge geschickt werden, sowieso dauernd gesungen. Zum Mittagessen, vorm Einschlafen und beim Zähneputzen. Auf diese Selbstverständlichkeit des Musizierens legt Leiterin Leonore Wüstenberg großen Wert. „Wir sind eine ganz normale Kita. Wir machen Musik mit den Kindern.“ Das sei es im Übrigen auch, was bei den Eltern ankomme: Dass ihre Kinder auf einmal zu Hause mehr sängen, haben einige von ihnen dem Doktoranden Andreas Doerne erzählt, der dieses musikalische Früherziehungsmodell beobachtet und auswertet.

An den Transfer-Effekt der Beschäftigung mit Musik, die These also, dass Musik schlau mache, glaubt auch in Schöneberg niemand so richtig. Weil sie sowieso nicht erwiesen ist und kontrovers diskutiert wird. Und weil darin unmöglich die wichtigste Motivation für ein Leben mit Musik liegen kann. Das wäre ebenso unsinnig, wie Kinder bloß deswegen an die Klassik heranzuführen, um das Publikum von morgen zu züchten. Wenn sich aus dem Spiel mit der Kunst fast zwangsläufig eine Verjüngung und Auffrischung des Publikums ergibt – gut. Aber Musik ist mehr als ein Zugangscode zur bürgerlichen Elite der Zukunft. Sie lässt Leistung verschwinden, absorbiert sie. Weshalb es auch nicht verwundert, dass die Bildungswelt immer offensiver den Wert des Klassischen beschwört. Da gibt der Rundfunkchor Berlin ein Mitsingkonzert. Das DSO veranstaltet Kinderkonzerte; das nächste findet am 11. Juni statt. In einem Workshop des Theaters Hebbel am Ufer, bei dem Schuberts „Winterreise“ im Mittelpunkt steht, der auskomponierte Gang in Ausgrenzung und Einsamkeit, werden die Ausschreitungen in den französischen Banlieues bearbeitet.

Jugendarbeit bleibt aufwändig. Zugleich ist sie prestigeträchtig. Wer sich unentbehrlich macht für die kollektive Erziehung und das kommunale Kulturleben, wird Subventionskürzungen besser abwehren können. Auf dem Weg ins Glück müssen nun nur noch Schulen und Elternhäuser nachziehen.

„Hip H’Opera – Così fan tutti“, Komische Oper, Voraufführung heute, Premiere morgen, wieder am 6. April, 20 Uhr; Schuberts „Winterreise“ im HAU 2, am 11. und 14. April, 20 Uhr; Carl Orffs „Carmina Burana“, 13./14. Mai, Arena Treptow, 20 Uhr.

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