Kultur : Wer sündigt, schläft nicht

Von Leipzig nach Berlin: Bellinis „Sonnambula“ an der Deutschen Oper

Frederik Hanssen

Seit Mittwoch gelten neue Lärmschutzregeln an der Deutschen Oper Berlin. Ausgegeben hat sie der Dirigent Daniel Oren – und als Erstes sofort die Krachinstrumente aus dem Orchestergraben geworfen. Becken und Große Trommel haben viel zum schlechten Ruf des Belcanto beigetragen: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzten italienische Komponisten die Militärmusikinstrumente bedenkenlos für emotionale Höhepunkte ein. Fans von Bellini, Donizetti und Co. nehmen die rumpeligen Klangentladungen als notwendiges Übel hin. Alle anderen winden sich bei den Tschingderassabumm-Passagen in ihren Opernsesseln.

Daniel Orens beherzten Eingriff in die Partitur der „Sonnambula“ darf man also als doppelten Akt der Liebe begreifen. Zum einen möchte er Vincenzo Bellinis melodramma einem breiten Zuschauerkreis schmackhaft machen, zum anderen den Sizilianer als Meister der leisen Töne feiern, als Italiens Antwort auf Felix Mendelssohn Bartholdy. Hauchzart, durchscheinend wünscht sich Oren den Klang. Piano, pianissimo!, sagen seine Gesten, nehmt sie vorsichtig auf, diese zerbrechlichen Melodien! Besessen arbeitet er an den Details, veredelt noch die einfachste Pizzicato-Begleitfloskel zum Ornament. Und das Orchester der Deutschen Oper zeigt wieder sein großes Potenzial – im beglückenden Kontrast zur vergangenen Woche: Da hatten die Musiker unter Stefano Ranzani Donizettis „Lucia“ als pure Notenansammlung exekutiert, exzessiven Becken- und Trommel-Gebrauch inklusive.

Der Bergbauer Elvino kann seine Hochzeit kaum erwarten. Dass ein durchreisender Graf seine Verlobte nach Großstädtermanier anflirtet, macht ihn rasend vor Eifersucht. Als man Amina dann auch noch im Hotelzimmer des Adeligen findet, verstößt er sie: Dabei hatte sich die Schlafwandlerin nur in der Tür geirrt. Bei der Uraufführung in Mailand vor 175 Jahren sollen selbst die Sänger vor Rührung beim Happy-End geweint haben.

In weniger empfindsamen Zeiten kann die groschenromandünne Handlung jeden Regisseur zur Verzweiflung bringen. John Dew entscheidet sich jedoch mutig dafür, an die Personen und ihre Gefühle zu glauben: Während allenthalben die Notwendigkeit von Klassikerdekonstruktion und Sinnzertrümmerung nachgewiesen wird, erzählt er eine Geschichte, ja, verteidigt gar die These, dass Oper auch Unterhaltung sein kann. Und weil Thomas Grubers putziges Bühnenbild so sehr nach den Achtzigerjahren aussieht, weil das Inszenierungsteam selbst an Schwarzlicht-Effekten noch Spaß hat, fühlt man sich versetzt in selige Musiktheaterzeiten – oder vielleicht doch in die Zukunft?

Mit dieser Produktion kann die Deutsche Oper endlich mal wieder einen Erfolg feiern – allerdings nur einen geliehenen. Denn erdacht und gemacht wurde diese „Sonnambula“ 2003 am Leipziger Opernhaus. Und ein Leipziger Ensemblemitglied wird auch zur Retterin der Berliner Premiere. Eigentlich sollte Stefania Bonfadelli die Titelrolle singen, jene betörende Italienerin, der man noch vor kurzem zugetraut hätte, Anna Netrebko vom Diventhron zu stoßen. Doch Bonfadelli kämpft derzeit mit einer Stimmkrise. Als dann auch Einspringerin Ruth Ann Swenson krank wurde, holte man die unbekannte Eunyee You.

Ganz im Sinne von Daniel Oren prahlt sie nicht mit ihren Koloraturen, bleibt bei allem technischen Raffinement stets die elfenhafte Träumerin – und wird darum von ihren Bühnenpartnern fast an die Wand gesungen: vom eindrucksvollen Arutjun Kotchinian, vom selbstsicher auftrumpfenden Antonino Siragusa (dessen tenorale Trompetentöne bei den Belcanto-Dogmatikern allerdings nicht unumstritten sind), und nicht zuletzt von Ainhoa Garmendia, die mit ihrem aprilfrischen Jubelsopran aus der Nebenrolle der Lisa eine Protagonistin macht.

Wieder am 25. und 28. März sowie am 1. und 5. April

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben