Kultur : Wer uns regieren will, muss froh sein und frei

Doppel in Dresden: Goethes und Ludwig van Beethovens „Egmont“ am Staatsschauspiel

Günther Grack

„Ihro Majestät Wohl!" Das erste Wort an diesem Abend im Dresdener Staatsschauspiel hat, so sieht es aus, ein Musiker. Die Egmont-Ouvertüre ist verklungen, dargebracht von der Sächsischen Staatskapelle, die in breiter, aufwärts gestaffelter Front den Hintergrund der Bühne einnimmt, da erhebt sich in der obersten Reihe ein Mann, einen Triangel in der Hand, und gibt sich mit dem Glückwunsch an Philipp den Zweiten, König in Spanien, als Bürger von Brüssel zu erkennen. Und stößt prompt auf Abwehr: „Unsrer spanischen Majestät Gesundheit wünscht nicht leicht ein Niederländer von Herzen", sagt der Kollege Flötist, und noch ein Dritter meldet sich aus dem Orchester zu Wort, erklärt im Namen des niederländischen Volkes: „Wer uns regieren will, muss froh und frei sein wie wir", und spricht sich für den populären Edelmann aus, der für dieses Lebensideal steht: Graf Egmont.

Hit im Konzertbetrieb

Zwei Säulen des Dresdner Kulturlebens, das Staatsschauspiel und die Semperoper, haben sich zusammengetan, um zu stemmen, was zusammen gesehen und gehört werden soll: „Egmont", Trauerspiel in fünf Aufzügen von Johann Wolfgang von Goethe mit der Bühnenmusik op. 84 von Ludwig van Beethoven. Ein Unternehmen von Seltenheitswert, seit Beethoven seine Bühnenmusik zu dem 1788 erschienenen Stück zwei Jahrzehnte später im Auftrag des Wiener Hoftheaters komponierte, wo er sie selbst am 15. Juni 1810 uraufführte.

Das Opus beansprucht weit mehr Aufwand und Aufmerksamkeit als gewöhnliche Bühnenmusiken, wie die Theater sie sich heutzutage von Synthesizern einspielen lassen – nicht nur die Ouvertüre, unabhängig vom Anlass ein Hit im Konzertbetrieb, erfordert ein symphonisches Orchester, hinzu kommen vier Zwischenakt- und drei Begleitmusiken zu Monologen des Helden, ein Melodram sowie zwei Lieder Klärchens, der Geliebten Egmonts, von denen eines, „Freudvoll und leidvoll", bis heute überlebt hat. Als das Preußische Staatstheater Berlin zu Goethes 100. Todestag im März 1932 eine Festaufführung des „Egmont" mit Beethovens Musik herausbrachte, befand Alfred Kerr, manches davon, „was heute stört", bleibe zu kappen; unwirsch schlug der Kritiker vor: „Oder: man spiele die unverdaulichen Stellen hinter den Kulissen als Gesäusel."

Zu solch rüdem Umgang mit Beethoven findet man sich jetzt in Dresden nicht bereit: Hans E. Zimmer lässt am Pult der Sächsischen Staatskapelle die Musik zu ihrem vollen Recht gelangen. Wer hier (Schreib-)Federn lassen muss, das ist Goethe. Zu Gunsten einer Spieldauer von nicht mehr als zweieinhalb Stunden haben der Regisseur Klaus Dieter Kirst und seine Dramaturgin Karla Kochta die fünf Aufzüge kräftig gekürzt, ganze Passagen und Personen herausgeschmissen – etwa den Sekretär, mit dem Egmont seine Geschäfte als Statthalter der Provinz Flandern bespricht, ein anschauliches Zeugnis seiner besonnenen Amtsführung. Im Großen und Ganzen aber bleibt unbeschädigt, um was es hier geht, nämlich um die prekäre Stellung eines Idealisten, der als Volksheld im politischen Kräftespiel um Ausgleich bemüht ist, gegenüber einer ausländischen Übermacht, die nur die Durchsetzung ihrer imperialistischen Interessen im Sinn hat. „Sicherheit und Ruhe! Ordnung und Freiheit!", fordern die Brüsseler Bürger, die zu Anfang in schlichten grauen Anzügen aus dem Orchester herab auf die Bretter des rotbraun getäfelten Raumes gestiegen sind – die „Freiheit" jedoch wird ihnen die katholische Majestät aus Madrid schon aus Glaubensgründen nicht gewähren.

Die Platzierung der Staatskapelle nicht im Graben des Schauspielhauses, der für das große Orchester zu klein wäre, sondern auf der Bühne selbst ist zwar zunächst praktisch begründet, sie hat aber auch den Zweck, vor aller Augen zusammenzuführen, was zusammengehört: die Musik in das Stück zu integrieren. Graf Egmont, bei seinem Auftritt begeistert gefeiert, begrüßt nicht nur die Bürger, sondern schüttelt auch den Musikern an den ersten Pulten die Hand. Der Schauspieler Dirk Glodde erweckt den Anschein, er stünde nicht nur als Politiker seinen Mann, sondern auch als Pianist – er setzt sich an den Flügel und bestreitet die Auseinandersetzung mit seinem Freund Wilhelm von Oranien, indem er Motive aus der Ouvertüre in die Tastatur drückt.

Die Schauspielerin Marianna Linden dagegen traut sich nicht zu, Klärchens Lieder selbst zu singen - die Sopranistin Sabine Brohm von der Semperoper tritt aus dem Orchester, singt Hand in Hand mit Klärchen, die nur die Lippen bewegt, und übernimmt dann auch die Sprechrolle von Klärchens Mutter, die sich Sorgen um die bürgerliche Zukunft der gräflichen Geliebten macht, den Ruch eines „verworfenen Geschöpfs" befürchtend. Bei den Zwischenaktmusiken senkt sich ein Gazevorhang vor das Orchester, man sieht dahinter die Lämpchen an den Notenpulten glimmen und darauf Filmbilder flimmern, überlebensgroß die Köpfe der Protagonisten vor dem Flammenschein des drohenden Bildersturms oder dem Marschtritt der einrückenden Kolonnen des spanischen Unterdrückers.

Der Dresdner Versuch, das doppelte Schwergewicht Goethe-Beethoven fürs Theater heute zurückzugewinnen, verdient Respekt, erntet indes keinen Enthusiasmus. Es bleibt dabei, dass Goethe, in zwölfjähriger Arbeit an dem Stück bosselnd, einen Zwitter zwischen Geschichts- und Charakterdrama auf die Welt gebracht hat. In Kirsts Inszenierung fesseln die politischen Diskurse, die Egmont mit König Philipps Schwester als Regentin der Niederlande, mit seinem Standesgenossen Oranien und mit dem Abgesandten des Monarchen, Herzog Alba, führt: Christine Hoppe, Daniel Minetti und Tim Grobe verstehen es, ihre Argumente, beruhend auf realistischem Kalkül, mit Nachdruck auszuspielen gegenüber dem schwärmerischen Höhenflug des von Dirk Glodde mit Verve verkörperten Gutmenschen Egmont. Die Aufführung tut sich jedoch schwer, für die herzlich privaten Fäden, die Goethe zwischen seinen Figuren gesponnen hat, beim Zuschauer so etwas wie echte Anteilnahme zu erwecken.

Manierismus pur

Die Männerfreundschaft, die Sebastian Nakajew als Albas junger Sohn Ferdinand dem vom Vater zum Tode verurteilten Egmont aufdrängt, ist mit ihrem Auf-die-Schulter-Klopfen und Um-den-Hals-Fallen der pure Manierismus – so befremdlich exaltiert wie die Augen-zu-und-durch-Liebe des himmelhoch jauchzenden, zum Tode betrübten Bürgermädchens: Marianna Linden als bebendes, flackerndes Nervenbündel.

Auf die Apotheose Klärchens als Freiheitsgöttin in einem letzten Traum des erschöpft schlummernden Egmont, vom Dichter in einer eingehenden Regieanweisung beschworen, wird in Dresden verzichtet – zu Recht. Der Gazevorhang, hinter dem das Orchester den „süßen Schlaf" des Helden melodramatisch umschmeichelt, zeigt Klärchen in blutbeflecktem Gewand, jedoch ohne den Lorbeerkranz, den sie Egmont, nach Goethes Willen, reichen soll. Warum und wofür? Hat er sich nicht aus dem politischen Machtkampf leichtfertig davongestohlen, hineingeflüchtet in seine private Beziehungskiste? Der Mann hat für einen Sieg, den er nicht errungen hat, auch keinen Lohn verdient.

Wieder am 19., 21., 23, 27., 28. Dezember .

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